state violence

Notizen über das Massaker in Ankara. Eine Ärztin, die an der Organisation der Friedenskundgebung beteiligt war, berichtet

Übersetzung aus dem Türkischen: Translators for Justice
Quelle: http://sendika4.org/2015/10/ev-sahibi-doktorun-katliam-notlari-hande-arpat-ilerihaber-org/
 

15. Oktober 2015

Hande Arpat

Ich bin eine von denjenigen, die die Kundgebung mit organisiert und euch alle zur Teilnahme aufgerufen haben. Ich war von Anfang bis zum Ende dort. Deswegen bitte ich um eure Aufmerksamkeit, auch wenn es etwas länger dauern sollte:

Sehr früh haben die Vorbereitungen für die Friedenskundgebung begonnen: Organisationskommittees wurden eingerichtet, regionale Vertreter_innen benannt, Medienarbeitsgruppen kamen zusammen… Alle leisteten ihren Beitrag mit viel Freude und Begeisterung. Auf unseren Plakaten, in unseren Filmen und Slogans war diese hoffnungsvolle Hartnäckigkeit zu spüren, die die pechschwarze Schwere um uns herum durchbrach. In dieser Vorbereitungsphase haben wir alle neue Freundschaften geschlossen, die fürs Leben waren, weil es etwas Einzigartiges ist, in Solidarität etwas gemeinsam auf die Beine zu stellen. (more…)

NOTES ON THE ANKARA MASSACRE FROM A DOCTOR ON THE ORGANIZING COMMITTEE

Translated from Turkish by Translators for Justice
Source: http://sendika4.org/2015/10/ev-sahibi-doktorun-katliam-notlari-hande-arpat-ilerihaber-org/

October 15, 2015

Hande Arpat

I am one of the people responsible for organizing and inviting all of you to this event, and I was there from the very beginning to the very end. Therefore, with your permission, I would like to tell you about what happened, and though it may be somewhat long, I ask only that you listen:

Preparations for the peace rally began early on; organization committees were established, regional organizers appointed, media work-groups formed… Everybody was undertaking their own preparations in a spirit of joy and cheerfulness. On all our posters, in all of our films and slogans, there was a tenacity infused with hope which pierced through the heavy darkness in which we lived. In those days of preparation, every one of us made new friends, becoming comrades for life because ours was a special experience, as we undertook to produce something, to make something in solidarity with others.

We were going to sing our songs, release our white balloons into the Ankara skies, be hand in hand with our laborer friends who came to Ankara from all over the country, and together we were going to spread hope through our sickened country.

It did not happen. Our meeting was bombed right next to our van, namely the Turkish Medical Doctors Association’s (TTB’s) van: our sisters and brothers were killed at the exact spot where we ourselves had been just four minutes earlier. (more…)

Diyarbakır: Der Stadtbezirk Sur nach Aufhebung der Ausgangssperre Ein Fotobericht

15.10.2015
Übersetzung aus dem Türkischen: Translators for Justice
Quelle: http://bianet.org/bianet/insan-haklari/168336-sokaga-cikma-yasaginin-ardindan-fotograflarla-sur-ilcesi
Bild Afang

von Elif Akgül

An unserem letzten Tag in Diyarbakır, wo wir als eine Gruppe von Journalisten die Stimmung im Vorfeld der Wahlen einfangen wollten, sind wir in den Stadtbezirk Sur gegangen, unmittelbar nachdem die dort verhängte viertägige Ausgangssperre aufgehoben wurde. Das Straßenbild ist nach diesen vier Tagen geprägt von Einschusslöchern von Raketen und Kugeln, nationalistischen Sprüchen an den Hauswänden und anderen Zeugen staatlicher Gewalt.

Bild1 SurAm Morgen nach der Ausgangssperre beginnen die Einwohner von Sur mit der Schadenserfassung. Immer noch haben sie keinen Strom. Das Glas an den Fenstern ist kaputt, an den Wänden sind Spuren von den Kugeln und Raketen, die auf die Wohnhäuser gefeuert wurden. Die Schaufenster der Ladengeschäfte sind komplett zerstört. Die Inhaber der Geschäfte erzählen, dass die Sicherheitskräfte in den vier Tagen in den Läden aßen, tranken und ihre Zigarettenkippen auf den Boden warfen, während sie selbst nicht in ihre Läden durften.

Die meisten Einwohner haben ihre Häuser verlassen, sobald sie konnten. Daher wissen sie nicht, was sie erwartet, wenn sie zurückkehren. Diejenigen, die es nicht geschafft haben, rechtzeitig wegzugehen, verbrachten die vier Tage im Badezimmer, dem für sie sichersten Ort in der Wohnung. (more…)

Erklärung der Konföderation der Revolutionären Arbeitergewerkschaften, der Konföderation der Gewerkschaften Öffentlicher Angestellter, des Türkischen Verbands der Ingenieurs- und Architektenkammern und des Türkischen Ärzteverbands nach dem Bombenanschlag in Ankara: “Wir sind in Trauer, wir sind in Aufruhr, unsere Wut ist grenzenlos!”

Übersetzung aus dem Türkischen: Translators for Justice

Quelle: http://www.kesk.org.tr/content/%C3%BCzg%C3%BCn%C3%BCz-%C3%B6fkeliyiz-yastay%C4%B1z-ve-isyanday%C4%B1z

Istanbul, 10.10.2015

Wir bringen ab morgen unsere Trauer zum Ausdruck, gedenken unserer toten Freunde und protestieren gegen das faschistische Massaker. Am 12. und 13. Oktober streiken wir in der ganzen Türkei.

Wir waren heute aus allen Ecken der Türkei für die Kundgebung “Arbeit, Frieden und Demokratie” in Ankara zusammengekommen. Wir waren gekommen, um unsere Forderungen nach Arbeit, Frieden und Demokratie in die Welt zu rufen. Wir wollten die Stimme der Arbeiter, Angestellten, Arbeitslosen, Armen und Opfer sein. Unsere Botschaft lautete: “Wir trotzen dem Krieg – wir fordern Frieden, sofort!” Wir waren gekommen, um zu bekunden, dass das Blutvergießen für die Herrschaft des Palastes endlich aufhören muss. (more…)

Berkin Elvan, 15 Jahre, Opfer der Poizeigewalt in der Türkei, starb heute nach 269 Tagen im Koma. Ein Nachruf von Buse Kaynarkaya: Ruhe im Blumenmeer, Berkin

11.3.2014
Übersetzt von: Translators for Justice
Quelle: http://bianet.org/bianet/yasam/154087-cicekler-icinde-uyu-berkin
Von Buse Kaynarkaya

Sie werden nicht sagen können „Er warf mit Steinen“, auch nicht „Er legte sich mit der Polizei an, beteiligte sich an unerlaubten Protesten“. Sie werden nicht einmal sagen können „Er war Alewite, Kurde, Armenier.“ Denn Berkin trug ein Laib Brot in der Hand.

Jeder Tod ist schmerzhaft; aber nicht jeder Tod ist politisch. Es ist auch nicht jeder Tod so widerstandsfähig. Wir haben Berkin, der 269 Tage lang beharrlich am Leben festhielt, heute verloren.

Sein Lachen bleibt verschlossen auf seinen Lippen, verborgen bleiben die zu weinenden Tränen, die zu lebende Liebe, die Hoffnungen, die Gefühle der Verzweiflung, des Erfolgs und des Scheiterns – alles, was Leben bedeutet. Seinem Vater begegnete ich zum ersten Mal in einer Fernsehsendung als er weinte, nachdem Berkin von der Gaspatrone eines Polizisten am Kopf getroffen worden war. Er hielt die Kleidung, die sein Sohn bei seinem Schulabschluss tragen sollte, in der Hand und fragte, „Wer soll das jetzt tragen“? Mich überkam ein beklemmendes Gefühl, und ich hielt an dem Glauben fest, dass die Kleidung zuhause auf Berkin warten, dass sie voll der hoffnungsvollen Erwartung auf den Körper dieses so jungen Menschen sein würde. Dieses schwere Gefühl erfüllt mich nun umso mehr, als ich mit zwei Stunden Verspätung von Berkins Tod erfuhr. (more…)