Jeffrey Kahrs

Eine Geschichte

Ich hielt den Mund bis meine Zunge nichts mehr
schmeckte. Es war nicht immer so.
Ich dachte, aus dem Schatten der Kanonen
könnten Vernunft und Toleranz neu erstehen.
Dann begann die Regierung jedes Wort
auszuradieren, das in ihrem Lexikon
nicht vorkam. Ich war geduldig, verteilte Happen
von Freiheit die sie uns mit Nachdruck gaben.
War außer mir noch jemand so naiv?
Dann kamen sie mit Schlagstöcken, prügelten
auf Köpfe, der Qualm von Tränengas war überall.
Brutal. Doch schließlich begann die Zukunft
mit den Tränen, ich spürte meine Zunge wieder,
schmeckte den Gesang der Stimmen.
Erwartet jemand noch ein Wunder? Ich nicht,
aber ich habe die Gelegenheit, meiner Zunge
freien Lauf zu lassen. Ich habe es getan

Jeffrey Kahrs
Übersetzung: Hans Thill