Flüchtlinge

Der offene Brief der 35 Flüchtlinge, die aus dem Flüchtlingszentrum in Tor Sapienza in Rom vertrieben wurden

15.11.2014

Übersetzung aus dem Italienischen: Translators for Justice

Quelle: http://frontierenews.it/2014/11/lettera-aperta-dei-35-rifugiati-sgombrati-dal-centro-tor-sapienza/

Die jungen Leute, von denen gestern vierzehn versucht haben, erneut das Flüchtlingsheim in Roms Vorstadt Tor Sapienza zu betreten, haben einen offenen Brief geschrieben, in dem sie über ihre Erfahrung berichten.

Es wird ständig über uns gesprochen, aber niemand kennt uns wirklich. Wir sind 35 Menschen aus verschiedenen Ländern: Pakistan, Mali, Äthiopien, Eritrea, Afghanistan, Mauretanien usw. Wir sind nicht alle gleich, jeder hat seine eigene Geschichte – wir sind Familienväter, Jugendliche, Hochschulabsolventen, Handwerker, Lehrer usw., aber wir sind alle nach Italien gekommen, um unser Leben zu retten. Wir haben den Krieg, die Gefangenschaft, den Konflikt in Libyen, die Taliban in Afghanistan und in Pakistan erlebt. Wir sind gereist, und zwar viel, mit jedem nur denkbaren Verkehrsmittel, nicht zuletzt auch zu Fuß. Wir haben alles aufgegeben: unsere Familien, unsere Kinder, unsere Frauen, unsere Eltern, unsere Freunde, unsere Arbeit, unser Zuhause. Wir wollen niemandem etwas Böses.

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Wasims Geschichte und das grausame Schicksal der Flüchtlinge in Griechenland

23. 9. 2013
Übersetzung aus dem Englischen: Translators for Justice
Quelle: http://roarmag.org/2013/09/migrants-greece-criminalized-dehumanized/

Noch immer sterben viele Männer, Frauen und Kinder an den Grenzen Europas bei dem Versuch aus ihrem Heimatland zu entkommen. Wenn sie es doch überleben, werden sie wie Kriminelle behandelt.

von Sofiane Ait Chalalet und Chris Jones

Wasim ist ein Flüchtling aus Syrien. Ende Juli wurde er zusammen mit seiner Frau, seinem jungen Sohn und seiner Tochter im Kleinkindalter von einem Boot an einer abgelegenen, dicht bewaldeten und steinigen Küste der griechischen Insel Samos abgesetzt. Ohne ausreichende Wasser- oder Lebensmittelvorräte schwamm er los, um Hilfe zu finden. Nachdem er zunächst von passierenden Schiffen ignoriert wurde, fand er schließlich Hilfe und ging anschließend zur Polizei. Er wurde umgehend festgenommen und für weitere sechs Wochen inhaftiert. Während dieser Zeit, und trotz seiner Bitte, jemand möge nach seiner Frau und seinen Kindern suchen, die er von Anfang an äußerte, hörte er nichts von ihnen oder über sie. Sechs Wochen später sollte er sie tot auffinden. (more…)

In Lampedusa gibt es ein Lager. Vorgetäuschtes Staunen und übliche Floskeln

19.12.2013
Übersetzung aus dem Italienischen: Translators for Justice
Quelle: http://temi.repubblica.it/micromega-online/a-lampedusa-c%E2%80%99e-un-lager-il-finto-stupore-le-consuete-retoriche/

von Annamaria Rivera*

Sogar die Mainstream-Medien rufen bei uns mittlerweile die Konzentrationslager wach, wenn sie die Anti-Skabies-Behandlungsmethoden beschreiben, die man den in der „Erste-Hilfe-und Aufnahmeeinrichtung“ in Lampedusa internierten Flüchtlingen vorgeschrieben hat. Tatsächlich erinnern die in der italienischen Tagesschau TG2 übertragenen Bilder aus Valerio Cataldis Reportage, die dank des Mutes von einem der „Gäste” des Aufnahmezentrums realisiert werden konnte,– auch in der Ästhetik, wenn man das so sagen kann– an die Schlangen in den Konzentrationslagern: die totale Entmenschlichung, die demütigende Nacktheit der Masse, die der Kälte ausgesetzt ist, und sogar die Anwesenheit eines Riesen, der die Operation mit der Brutalität eines Kapos führt… (more…)

Flüchtlingslager Lampedusa: Sorge, dass sich unter den Dolmetschern Spione des eritreischen Regimes befinden

08.11.2013
Übersetzung aus dem Italienischen: Translators for Justice
Quelle: http://www.repubblica.it/solidarieta/profughi/2013/11/08/news/profughi_a_lampedusa_il_sospetto_che_fra_gli_interpreti_ci_siano_spie_del_regime_eritreo-70537449/

Die Anwesenheit von Mitgliedern der Parteijugend “Junge Volksfront für Demokratie und Gerechtigkeit” (YPFDJ), die eine Auslandsorganisation der eritreischen Regierungspartei von Isaias Afewerki ist, wird von den Flüchtlingen als Bedrohung empfunden. Don Mossie Zerai, Präsident der Agentur Habeshia*, meldete dies der Polizei und Präfektur in Agrigent. (more…)

Das Gesetz Antigones und die Verantwortung Europas

09.10.2013
Quelle: http://www.repubblica.it/politica/2013/10/09/news/la_legge_di_antigone_e_le_colpe_dell_europa-68206321/
Übersetzung aus dem Italienischen: Translators for Justice

von Barbara Spinelli

Es macht keinen Sinn, von Europa als Vaterland der Demokratie zu sprechen und in seiner Charta der Grundrechte zu verankern, wir seien uns seines «geistig-religiösen und sittlichen Erbes» sowie der «unteilbaren und universellen Werte der Würde des Menschen, der Freiheit, der Gleichheit und der Solidarität» bewusst, wenn all das, was unser Sein ausmacht, erlöscht zu sein scheint. Damit meine ich all die Mythen, die unsere Kultur bilden, zusammen mit den Tabus, auf die sie sich stützt. Zunächst einmal der Antigone-Mythos, ohne den wir nicht wären, wer wir sind. Oder auch das feierliche Gesetz der See, das verpflichtet, den Schiffbrüchigen zu retten, fast als gäbe es kein größeres Unglück als die See, die stumm den Menschen verschluckt. Das Meer kennt keine Großzügigkeit, schreibt Conrad. Unbezähmbar verkörpert es das «verantwortungslose Gewissen der Macht». (more…)