Sprache, Frieden, Necmiye Alpay

Aus dem Türkischen übersetzt von translate for justice
Quelle: http://www.birikimdergisi.com/haftalik/7915/dil-baris-necmiye-alpay#.V9l0VpMrL0G

20.8.2016

Tanıl Bora

Atatürk (oder Mustafa Kemal Pascha) soll in einem Gespräch, wo einer seiner Vetrauten den aktuellen Zeitungsartikel von Falih Rıfkı lobte,  erwidert haben:”Aber unsere Wörter kommen nicht vor”. Gemeint waren die neutürkischen Wörter.

Die Zeitschrift Lacivert veröfffentlicht in fast jeder Ausgabe ein Interview mit konservativen/islamisch orientierten AutorInnen und fragt sie nach unliebsamen Wörtern. Manche lassen sich nicht darauf ein, andere geben ohne zu Zögern eine Reihe von neutürkischen Synonymen von Wörter an, denen sie die osmanische Variante oder Lehnwörter aus anderen Sprachen (wie ‘teori’ für ‘Theorie’ statt des türkischen ‘kuram’) vorziehen.

Wenn auch nicht so stark wie zwischen 1960 und 1980, dauert der Sprachkrieg in der Türkei noch an. Viele ordnen ihr Gegenüber schon nach den ersten Worten in eine Schublade ein.

Glücklicherweise gibt es Menschen, die daran glauben, dass die alten und die neutürkischen Wörter friedlich zusammen leben können. Die größte Unterstützung für diesen Ansatz bietet  Necmiye Alpay, die den gesundem Menschenverstand mit grundlegenden Überlegungen und Studien zur Sprache ergänzt. In ihren Essays, nachzulesen in Dilimiz, Dillerimiz (Unsere Sprache(n), Metis, 2004) beklagt sie die Entstehung von “Inseln unterschiedlicher Kulturen”, die sich nicht einmal auf eine gemeinsame Othograpie einigen können und setzt sich für eine Art “Sprachfrieden” ein. Nach Alpay besteht das Problem darin, dass einerseits in der osmanischen Zeit die Integrität und die Produktivität von Sprache nicht beachtet wurde und andererseits aber bei der Sprachreform, die in der Gründungszeit der Republik durchgeführt wurde, der Ausdrucksbedarf der SprecherInnen und das historische Erbe der Sprache außer Acht gelassen wurden. Alpay sagt, man soll nicht “die Geschichte und das, was vorliegt, für die Reinheit der Sprache opfern ”. All das auf einmal zu berücksichtigen, ist für die Lebendigkeit und Entwicklung der Sprache wichtig.

Ich sollte ein bisschen weiter ausholen und aus  ihrem Essay “Ismet Özel, der Poet” aus einer anderen Sammlung ihrer “Lektürenotizen” zitieren. In diesem Essay warnt Alpay die LeserInnen davor, die Poesie mit den Problemen des gewöhnlichen Schreibens zu belasten, die politisch-ideologische Haltung einer Autorin zum Maßstab der Bewertung ihrer Gedichte zu machen (sie schlägt ein Konzept vor, dass sie “sich auf den Zustand des Gedichtes fixieren” nennt). Der Sprachhorizont von Necmiye Alpay gibt einen sorgfältigen, differenzierenden Umgang mit Sprache vor, der sich im Zusammenspiel von Neugierde und Feingefühl manifestiert. Das zeigt auch der Titel des erwähnten Buchs – Der Versuch, sich anzunähern. (Kanat, 2005).

Klar ist, dass Necmiye Alpay sich gegen repressive Sprachpolitik und die Einstellung wehrt, die, wie sie sagt, die Sprache ‘per Fatwa’ zu regulieren sucht. Eindringlich mahnt sie, dass die Wachsamkeit für Sprache und speziell für die Muttersprache etwas anderes sei als ein Wächtertum über das “neue”, das “reine” Türkisch. Sie zeigt uns, dass wenn man sich dem Thema Sprache mit derartigen Konzepten nähert, sie als rein oder beschmutzt oder verformt einordnet, man leicht in chauvinistische oder gar faschistische Diskurse hineinsteuert.

Betrachten wir den Titel ihres ersten Buches: Dilimiz, Dillerimiz (Unsere Sprache(n)). Er weist  auf die Vielfältigkeit in der Sprache und die Chancen eines mehrsprachigen Lebens hin. Denken Sie nur an all die Wörter, die Buchstaben wie “x” oder “w” enthalten, die nicht türkisch sind [die es aber im Kurdischen gibt, Anm. der Übers.]. 2001 hat Necmiye Alpay in ihrer Kolumne in der Milliyet Sanat einen Titel gewählt, der wie ein Slogan für linguistische Pluralität klingt: “Eins, zwei, drei, viele Sprachen”. In dem Vortrag, den sie 2003 beim Eğitim-SEN (Gewerkschaft für Bildung und Bildungswerktätige) Symposium zur Ausbilding in der Muttersprache hielt, betonte sie das Recht auf Sprache, sprach über Sprachreichtum und erläuterte den Unterschied zwischen substraktivem und additivem Bilingualismus. Sie führte aus, dass die neue Sprache, die unterrichtet wird, nicht schwächend, sondern im Gegenteil fördernd wirkt, wenn man davon ausgehen kann, dass die Bedingungen für den Erhalt der Muttersprache gegeben sind. Das sei ein Problem, das nicht nur BürgerInnen betrafe, deren Muttersprache nicht Türkisch ist, sondern auch türkische MuttersprachlerInnen, die westliche Sprachen  erlernen. Ihre Lösung: Multilingualismus statt Hass schürendem substraktivem Bilingualismus.

Ich wiederhole Spinozas Maxime, die ich an anderer Stelle bereits anfgeführt habe: “Frieden ist nicht die Abwesenheit von Krieg. Frieden ist eine Tugend, eine Tendenz zum Guten, zu Vertrauen und Gerechtigkeit, eine intellektuelle Haltung.” Authentischer Friedenswille offenbart sich nicht nur im Krieg, während Friedensverhandlungen, in einem Statement, in einer Unterschrift für eine Deklaration, in einer Haltung zu einem bestimmten Fall. Er zeigt sich darin, wie man in allem, was man tut, die Sprache des Friedens und friedreiche Beziehungen stärkt.

Wir könnten Necmiye Alpay auch als eine Friedenschaffende bezeichnen, wenn sie nie an Friedenstreffen teilgenommen hätte oder keine Friedensdeklarationen unterschrieben hätte. Sie hat allein durch ihre Haltung zur Sprache, durch den Horizont, den sie für uns eröffnet hat, Friedenssamen gesäht.

In einem Essay, das sie vor  fünfzehn Jahren geschrieben hat, beklagt sie sich darüber, dass das Wort “Person” verschwunden ist, dass es nur noch als ein Zahlenfaktor verwendet wird und in der Polizeisprache als Terminus für Verdächtige gilt. Vielleicht hat die Polizei das Wort “Person” ebenso verhaftet wie die Tatverdächtigen… meint sie.

Dies hier ist ein Land, in dem Necmiye Alpay verhaftet wurde und des Terrorismus angeklagt wird.

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