Erdem Gül: Ein Text aus dem Gefängnis

 
Übersetzt von: translators for justice
Quelle: http://www.cumhuriyet.com.tr/koseyazisi/460957/Kogusta_delil_ariyoruz.html#

9.1.2016

Auf der Suche nach Beweisen in der Zelle

Erdem Gül

“Sie sind verhaftet” war das Letzte, was wir von der Justiz zu hören bekamen. Seitdem sind 40 Tage vergangen.

Und mehr bekamen wir dann auch nicht mehr zu hören.

Es war ein Montag. Da es im Gefängnis kein Montagssyndrom gibt, brauchten wir uns deswegen schon mal keine Sorgen zu machen. Hier gibt es ja sowieso weder Wochenenden noch Wochentage, also hat man damit schon mal keine Probleme. Hinter Gittern bricht die Dunkelheit früh ein, schrieb der Dichter Ahmet Arif. Auch an jenem Tag bewahrheitete sich dieser Vers wieder.

Den zweiten Satz nach der Verhaftung bekam ich eben in diesen Abendstunden zu hören. Es hieß: „Sie kommen jetzt zu Can Dündar in die Zelle, so wie Sie es beantragt haben“. Wie man unter Journalisten sagen würde, war das eine „Sensation“ für uns.

Wir waren 40 Tage lang Zellennachbarn, aber konnten uns nicht sehen. Als wir an dem Abend nach 40 langen Tagen zusammen kamen, fingen wir sofort mit dem Palavern an. Nicht wie die Frischlinge, sondern wie richtige alte Hasen im Gefängnis.

Es ging natürlich um uns selbst, um uns beide, in diesem Palavern. Wie man sich schon denken kann, amüsierten wir uns vor allem über das, was wir in den 40 Tagen erlebt hatten. Und jetzt sind wir schon bei Tag 42, 43 und so weiter.

Am meisten lachen wir immer noch über unsere einsamen Tage. Wir sind ja jetzt zusammengekommen, da können wir uns über den einsamen Erdem und den einsamen Can lustig machen.

Immerhin haben wir einen Fernseher, bekommen Zeitungen und können die Nachrichten mitverfolgen. Die machen uns besonders traurig.

Und dann unterhalten wir uns und wie wir so reden spüren wir, wie die Einsamkeit und Leere der letzten Wochen verschwindet. Wobei es besonders die Stille ist, die vorüber ist. Mit unserer Festnahme wurden wir auch zu 40 Tagen Stille verdammt. Und deswegen habe ich jetzt eine Idee.

Eigentlich können wir doch beides zusammenrechnen. 40 Tage Can, 40 Tage ich. Macht 80. Ab dem Ende unserer Isolation zähle ich einfach bei 80 weiter. So haben wir schon 40 Tage mehr in der Tasche. Das ist doch was!

Übrigens, aber das sollte unter uns bleiben, war ich der Glücklichere bei der Verlegung, ich bin nämlich von Zelle 6 zu Can in die Zelle 5 gezogen und der empfing mich als Gastgeber wie einen Fürsten.

Er hat alles gegeben, damit ich mich wie zu Hause fühle und mir seine ganzen Vorräte aufgetischt, nur das Beste. Also habe ich von der Verlegung sozusagen doppelt profitiert.

Zumindest das sind die guten Seiten unserer jetzigen Situation. Ich weiß, den Leuten, die draußen an uns denken, tut es auch richtig gut, das zu wissen. Aber das eigentliche Problem löst sich damit nicht.

Schon während der Isolation dachten wir, jeder für sich, dass das wirkliche Problem ja nicht die Isolierung, sondern die Haft ist. Und jetzt reden wir auch oft darüber, dass die Haft selbst ja schon eine üble Isolierung ist.

Manchmal fragen wir: „Warum werden wir noch festgehalten?“ Dann kommt immer die Antwort: „Die Beweislage hat sich nicht zu Ihren Gunsten geändert.”

Deswegen haben wir jetzt angefangen, in unserer Zelle nach Beweisen zu suchen, die für uns sprechen. Und wir sind ja zu zweit. Da wird es leicht sein etwas zu finden. Wir sind am Suchen. Wir suchen weiter. Also halten Sie uns bitte nicht auf.

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