#MéxicoNosUrge

Übersetzung aus dem Italienischen von Translators for Justice

Quelle: http://temi.repubblica.it/micromega-online/mexiconosurge/

Die täglich stattfindenden Morde und Gewalttaten Journalisten und Menschenrechtsaktivisten gegenüber zeigen, dass sich Mexiko heute in einem nicht erklärten Bürgerkrieg befindet. Schriftsteller und Intellektuelle appellieren nun an Europa und die italienischen Medien, nicht in tödlichem Schweigen zu verharren.

„Die Achtung der demokratischen Grundsätze und Menschenrechte, wie sie in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte niedergelegt sind, ist Eckpfeiler der Innen- und der Außenpolitik der Parteien und bildet einen wesentlichen Bestandteil dieses Abkommens.“
Art. 1 des Freihandelsabkommens zwischen Mexiko und der Europäischen Union

Die Morde an dem Fotojournalisten Rubén Espinosa, der Aktivistin Nadia Vera, der Studentin Yesenia Quiroz Alfaro und zwei weiterer Frauen, Nicole Simon und Alejandra, die sich in ihrer Gegenwart befanden, in Mexiko-Stadt am Freitag, den 31. Juli, erlegen es uns auf, unser Schweigen zu brechen. Angesichts der Geschehnisse und einer Lage, die Millionen von Menschen in einem Land, Mexiko, betrifft, das Italien und die EU nur als einen wichtigen Handelspartner anerkennen, würden wir uns durch unser Schweigen mitschuldig machen.
Rubén Espinosa war der letzte der in Mexiko in einem nicht enden wollenden Massaker ermordeten Journalisten. Von 2000 bis heute wurden mehr als 100 Journalisten ermordet. Im Bundesstaat Veracruz, in dem Rubén arbeitete und von den staatlichen Missbräuchen und den gewalttätigen Unterdrückungen der politischen Gegner berichtete, wurden in der Regierungszeit von Javier Duarte de Ochoa, der den Spitznamen mataperiodistas, der Journalistenmörder, trägt, 14 Journalisten umgebacht.

Rubén Espinosa und Nadia Vera waren aus dem Bundesstaat Veracruz geflüchtet, eben weil sie von Beamten der Regierung Javier Duartes bedroht worden waren, welche bereits vor Monaten als Verantwortliche jeglicher Gewalttat ihnen gegenüber angezeigt worden war. Die Flucht nach Mexiko-Stadt allein, die bisher als eine sichere Zufluchtsstätte vor Angriffen auf die Pressefreiheit galt, konnte sie jedoch nicht retten. Die Nachricht ist klar: Man ist nirgendwo sicher. Sämtliche Kritiker müssen Angst haben, da sie auch zu Hause aufgesucht, gefoltert und ermordet werden.

In Mexiko wird die Pressefreiheit jeden Tag verletzt. Der Beruf des Journalisten gehört in Mexiko zu den gefährlichsten, und die Daten der wichtigsten Organisationen, die sich für die Verteidigung der Journalisten und der Pressefreiheit einsetzen (wie Article19 oder RSF), zeigen deutlich, dass die meisten Bedrohungen, Angriffe, Einschüchterungsversuche, Verschleppungen und Ermordungen von Journalisten, Fotografen und Kommunikationsbeauftragten den staatlichen Einrichtungen zuzuschreiben sind.

Mexiko und die Europäische Union haben ein Freihandelsabkommen abgeschlossen, das auf einer Demokratieklausel basiert, und unsere Länder und – nationalen sowie das europäische – Parlamente dürfen angesichts dieser Lage nicht schweigen.

Im Mai 2016 ist der zehnte Jahrestag nach dem Massaker in San Salvador Atenco. Ein Bürgerausschuss von Menschenrechtsbeobachtern – dessen Mitglieder europäische Bürger waren – hat dem Europäischen Parlament 2006 einen Tatsachenbericht vorgelegt und schwerwiegende Menschenrechtsverletzungen im Rahmen der Zwangsvertreibung von einer Gemeinde zu Zwecken des Baus eines neuen Flughafens in Mexiko-Stadt auf einer als „ejidal“ des Staates von Mexiko bezeichneten Fläche, also einer dem Volk gehörenden Fläche, angezeigt.

Falls dies überhaupt möglich ist, hat sich die Situation in den letzten zehn Jahren nur noch verschlimmert: Es gab zehntausende an Fällen von Verschleppungen, systematischer Gewalt gegen Menschenrechtler, Aktivisten von sozialen Bewegungen sowie Journalisten und Fotografen, die die strukturelle Gewaltausübung dokumentieren, welche von den Regierungen zunächst von Felipe Calderón und dann von Enrique Peña Nieto (der 2006 zur Zeit der Unruhen in Atenco Gouverneur des Bundesstaates Mexiko war) als Form der „aktiven Politik“ gewählt wurde.

Unter den bedrohten und verfolgten Aktivisten und Journalisten und auch unter den Opfern sind auch italienische und europäische Bürger (wie der Finne Jyri Antero Jaakkola, der 2010 im Bundesstaat Oaxaca vom Paramilitär getötet wurde).

In diesem Umfeld von Gewalt und Unterdrückung des Volkes erinnern wir an die Verschleppung von 43 Studenten der Escuela Normal Rural di Ayotzinapa in der Nacht des 26. September 2014 in der Stadt Iguala im Bundesstaat Guerrero, in den die Polizei von Iguala und Teile der mexikanischen Armee verwickelt waren. Seit zehn Monaten gelten diese 43 jungen Studenten nun bereits als vermisst.
Am 30. Juni 2014 hat die mexikanische Armee auf schriftlichen Befehl des Hohen Militärkommandos hin 22 Zivilisten bei einer außergerichtlichen Hinrichtung erschossen. Es handelte sich hierbei nur um eine von vielen von der Armee vorgenommenen außergerichtlichen Hinrichtungen, mit denen als Verbrecher bezichtigte Zivilisten „beseitigt“ werden sollen, ohne dass diese irgendein Recht auf ein Verfahren hätten.
Die UNO hat kürzlich erläutert, dass die Folter in Mexiko ein systematisch von sämtlichen Ordnungskräften bei Verhören eingesetztes Mittel sei.

All dies geschieht unter dem Mantel des Schweigens der sogenannten „internationalen Gemeinschaft“. Die Europäische Union interessiert sich nicht für die im mexikanischen Staat stattfindenden Verbrechen und erhält ihre Handelsbeziehungen mit dem kontinuierlich die Menschenrechte verletzenden Staat aufrecht.

Von 2007 bis 2014 hat es in Mexiko über 164.000 Morde an Bürgern gegeben. In derselben Zeit wurden in Afghanistan und im Irak circa 104.000 Opfer gezählt. Die Anzahl an Personen, die von 2006 bis heute verschwunden sind, liegt laut der vorsichtigen Daten der mexikanischen Regierung bei über 30.000. Die Anzahl an Menschen, die im Land zwangsumgesiedelt wurden, ist nicht bekannt, aber viele Menschenrechtsorganisationen sprechen von mehr als 2,5 Millionen Menschen.

Angesichts dieser Situation ist es unglaublich, welche Gleichgültigkeit die internationalen Medien an den Tag legen und sich somit mitschuldig machen.

Daher lautet unser Motto #MexicoNosUrge. Und wir dürfen nicht schweigen.

Wir fordern, dass das Europäische Parlament angesichts der schweren Menschenrechtskrise in Mexiko sein Missfallen ausdrückt, insbesondere was die kontinuierliche Gewalt gegen Journalisten und Menschenrechtler betrifft.

Wir fordern von Italien und der Europäischen Union, dass sämtliche Beziehungen zu Mexiko (und zwar politischer sowie handelstechnischer Art) eingestellt werden, solange die schweren Fälle von Mord, Gewalt und Verschleppungen von Personen nicht aufgeklärt worden sind. Die EU-Staaten müssen Mexiko ein Embargo auferlegen und die Botschaften schließen, wie dies auch in anderen Fällen geschehen ist, in denen Staaten die Menschenrechte und das Recht auf Leben ihrer eigenen Bürger missachtet haben.

Um teilzunehmen schreiben Sie an: mexiconosurge2015@gmail.com

Folgen Sie uns auf www.facebook.com/mexiconosurge

Es haben unterzeichnet:

1. Dario Fo (Schauspieler, Regisseur, Schriftsteller, Literaturnobelpreisträger)
2. Paco Ignacio Taibo II (Schriftsteller)
3. Erri de Luca (Schriftsteller)
4. Fr. Raúl Vera López, O.P. (Bischof von Saltillo, Coahuila, Mexiko)
5. Juan Villoro (Schriftsteller, Essayist, Journalist und Dramaturg)
6. Roberto Saviano (Schriftsteller)
7. Don Luigi Ciotti (Präsident der Associazione Libera und Gründer der Associazione Gruppo Abele)
8. Schriftstellerkollektiv Wu Ming
9. Nando Dalla Chiesa (Universitätsdozent, Schriftsteller und Politiker)
10. Tonio dell’Olio (Verantwortlich für den internationalen Bereich von Libera)
11. Paloma Saiz (Organisatorin der Brigada Para Leer en Libertad)
12. Stiftung Fondazione Antonino Caponnetto
13. Salvatore Calleri (Präsident der Fondazione Antonio Caponnetto und Mitglied der Fondazione Sandro Pertini)
14. Renato Scalia (Ausschuss der Fondazione Antonino Caponnetto)
15. Centro de Derechos Humanos Miguel Agustín Pro Juárez A.C. (jesuitisches Menschenrechtszentrum, Mexiko)
16. Servicio Jesuita a Migrantes – México
17. Centro de Investigación y Promoción Social (CIPROSOC)
18. Valerio Evangelisti (Schriftsteller)
19. Valerio Massimo Manfredi (Schriftsteller)
20. Franco Berardi “Bifo” (Schriftsteller, Universitätsprofessor)
21. Tony Negri (Politiker, Philosoph, Soziologe)
22. Giacomo Costa, SI (Jesuit, Direktor von Aggiornamenti Sociali)
23. Alessandro Mannarino (Liedermacher)
24. Francesca Nava (Journalist)
25. Aldo Nove (Schriftsteller)
26. Jessica Borroni (Bühnenbildnerin)
27. Loredana Lipperini (Schriftstellerin und Journalistin)
28. Alberto Prunetti (Schriftsteller)
29. Fabrizio Lorusso (Professor und freiberuflicher Journalist)
30. Lucia Capuzzi (Journalist von Avvenire)
31. Roberta Zunini (Journalist)
32. Cecilia Narducci (Journalist)
33. Girolamo de Michele (Schriftsteller und Universitätsdozent)
34. Sandro Mezzadra (Università di Bologna)
35. Mauro Biani (Karikaturist)
36. Salvatore Palidda (Soziologe, Schriftsteller und Dozent der Universität von Genua)
37. Domenico Guarino (Rat des Journalistenverbandes der Region Toskana und Direktor von Radio Cora)
38. Marilù Oliva (Schriftstellerin)
39. Graziano Graziani (Journalist)
40. Thomas Aureliani (Journalist)
41. Fabio Cuttica (Fotograf der Agentur Contrasto)
42. Francesca Volpi (Fotografin)
43. Silvia Federici (Schriftstellerin)
44. Andrea Bigalli (Libera Regione Toscana)
45. Federico Mastrogiovanni (Journalist)
46. Simona Granati (Fotojournalistin)
47. Lorenzo Declich (Journalist und Schriftsteller)
48. Alessandro Braga (Journalist Radio Popolare)
49. Luca Martinelli (Journalist von Altreconomia)
50. Amaranta Cornejo Hernandez (Forscherin für Femminismus und Universitätsdozentin)
51. Ruby E. Villarreal (Arquitecto, Cultural/Museum Broker)
52. La Spezia Oggi (http://www.laspeziaoggi.it/news )
53. Comitato Bolivariano La Madrugada
54. Associazione SUR (www.surnet.it)
55. Carovane Migranti (http://carovanemigranti.org )
56. Cynthia Rodríguez (Journalist der Zeitschrift Proceso)
57. Cristina Morini (Journalistin und Schriftstellerin)
58. Andrea Cegna (Mitarbeiter bei Radio Onda d’Urto und Radio Popolare)
59. Annamaria Pontoglio (Comitato Chiapas “Maribel” – Bergamo)
60. Rebelde FC (bs)
61. Christian Marazzi (Scuola Universitaria Professionale della Svizzera Italiana)
62. Riccardo Staglianò (Journalist)
63. Alessandra Coppola (Journalist)
64. Mario Portanova (Journalist)
65. Leo Reitano (Journalist)
66. Noura Tafeche (Journalist)
67. Emilia Lacroce (Journalist)
68. Yesenia de la Rosa (Journalist)
69. Federico Chicchi (Universität von Bologna)
70. Aldo Zanchetta (Stiftung Neno Zanchetta per l’America Latina)
71. Valentina Petrini (Journalist)
72. Associazione Italia-Cuba circolo di Firenze
73. Valentina Valle Baroz (Journalist)
74. Gabriele Zagni (Journalist Piazzapulita L7)
75. Fabio Bianchi (Aktivist)
76. Miguel Angel Armendariz (Tänzer und Schauspieler)
77. Coordinamento Comasco per la Pace
78. Alessia Glaviano (Fotografin)
79. Maria Benciolini (Antropologin)
80. Marco Dell’Aguzzo (Blogger und Mitarbeiter einer geopolitischen Zeitschrift)
81. Carlo Bonfiglioli (Professor Università Nacional Autonoma de México)
82. Emiliano Di Marco (Attivista y Blogger)
83. Elisa Villarreal Vargas (comunicologa, mezcalier)
84. Carlo Maria Cananzi (Sozialpolitikberater)
85. Marina Cristoni (Lehrerin)
86. Alessandra De Gaetano (Erzieherin, Expertin für Lernprozesse)
87. Rossana Pierri (Psychologin)
88. Associazione Jambo, commercio equo und solidale Fidenza (Italien)
89. Alessandro Raveggi (Schriftsteller und Dozent)
90. Redazione di Comune-info (www.comune-info.net )
91. Eugenio Santangelo (Dozent)
92. Luigi Rigoni
93. Cesira Taranto
94. Ruben Magazzù
95. Bardelli Chiara
96. Dino Barberini
97. Ernesto Barberini
98. Lia Barberini
99. Simona Barberini
100. Remo Catassi
101. Roberto Faustini
102. Leonardo Perri
103. Sabrina Benenati
104. Graziella Corsaro
105. Rosa Maiello
106. Ida Tesconi
107. Ida Dello Ioio
108. Gianna Taverna
109. Elvira Taverna
110. Claudio Bianchi

(23. September 2015)

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