Matthieu Giroud, 39 Jahre alt, getötet im Bataclan. Ein Nachruf

Übersetzung aus dem Englischen von Translators for Justice
http://www.versobooks.com/blogs/2340-matthieu-giroud-39-years-old-killed-at-the-bataclan

16. November 2015

Matthieu Giroud, kritischer Geograf und Übersetzer der Arbeiten von David Harvey, war unter den Opfern der Anschläge von Paris am 13.11.2015.

Nicolas Vieillescazes, Redakteur bei Giroud´s Verleger Les Prairies ordinaires, schrieb einen Nachruf:

Gestern Morgen habe ich vom Tod meines Freundes Matthieu Giroud erfahren, der am Freitag Abend im Bataclan war. Ich bin unendlich traurig, gleichzeitig platze ich vor Wut: Wie Dutzende, Tausende andere in Paris, Beirut, Ankara, Kobane und unzähligen anderen Orten zwischen Irak und Syrien, starb Matthieu für nichts und wieder nichts. Er war sich sehr wohl klar darüber, dass unser Leben grundsätzlich politisch und geopolitisch sind, aber er hätte sich nie träumen lassen, dass eine Konzerthalle als Bühne für einen Krieg dient, der sich seit 9/11 ausbreitet.

Ich habe mit Matthieu in den letzten 5 Jahren zusammengearbeitet. Er sah sich nicht als eine Führungsfigur, dazu war er zu bescheiden – aber ohne ihn hätten zahlreiche Projekte nie das Licht der Welt erblickt. Wie zum Beispiel, als er den Aufenthalt von David Harvey in Paris im Spätjahr 2011 organisierte, oder als er erfolgreich das beeindruckende Werk „Paris, Capital of Modernity“ von David Harvey ins Französische übersetzte, genau wie eine ebenso schwierige Sammlung von Texten von Villes Contestées, und auch in den letzen Tagen, als er an einer ambitionierten gemeinsamen Arbeit zur Gentrifizierung feilte, stets die Termine im Blick hatte und auf das kleinste Detail achtete, so wie immer, um nützliche Arbeit zu leisten.

Matthieu wurde sehr schnell – abgesehen von einem wertvollen Mitarbeiter – ein Freund. Da wo ich herkomme, würde man sagen, er war „das Salz der Erde“: Nicht in dem Sinn von „nett und einfach“, sondern in dem Sinn, dass er unglaublich zielstrebig war, hart gearbeitet hat und dass man sich auf ihn verlassen konnte – er war unglaublich liebenswürdig, hingebungsvoll, diskret und sensibel, getrieben von stetigem Enthusiasmus, aber auch sehr ruhelos. Der brilliante Matthieu, der nur schwierige Projekte übernahm, solche, die andere längst aufgegeben hatten, neigte dazu, sich selbst als einen einfachen Akademiker zu sehen, der seinen Job macht, als nichts besonderes. Vor ein paar Tagen, als wir zum letzten Mal miteinander sprachen, habe ich wieder mal versucht, ihn von dem Wert und der Notwendigkeit seiner Arbeit zu überzeugen: Dass das Fördern der radikalen Geografie in Verbindung mit einem starken theoretischen Ansatzpunkt und einer gründlichen empirischen Studie und der Versuch, den raffinierten Mechanismus, durch den soziale und räumliche Ungleichheiten entstehen, zu verstehen, das ist, was man politisches Arbeiten nennt. Matthieu wusste, dass der Kampf nicht nur aus Slogans besteht, sondern dass gründliche wissenschaftliche Arbeit nötig ist.

Als wir mit Cécile Gintrac an der Vorbereitung des Buches Villes contestées arbeiteten, war unser beider Ziel und Hoffnung dies: den Forschern Waffen zu geben und den Kämpfern Werkzeuge; den Forschungskämpfern und den kämpfenden Forschern Waffen und Werkzeuge zu geben. Politische Forschung ist natürlich nicht alles – aber wer kann sagen, dass es nichts sei?

Heute denke ich an seine Familie, seinen Sohn Gary, seine Partnerin Aurélie und das Baby in ihrem Bauch, dessen Geburt Matthieu so ungeduldig herbeigesehnt hat, ich weine um einen meiner besten Freunde, und das werde ich noch lange Zeit tun, denn er kommt nicht zurück. Er starb wegen nichts, durch die Hände jener, die nur Armut und Zerstörung verbreiten, aber er hat nicht umsonst gelebt. Wir werden mit ihm und für ihn weitermachen, politisch zu denken und zu handeln, und geduldig und langsam, mit unseren eingeschränkten Mittel, aber umso größerer Entschlossenheit, das Wissen im Dienste der Gleichheit einzusetzen.

Nicolas Vieillescazes
Les Prairies ordinaires

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