Diyarbakır: Der Stadtbezirk Sur nach Aufhebung der Ausgangssperre Ein Fotobericht

15.10.2015
Übersetzung aus dem Türkischen: Translators for Justice
Quelle: http://bianet.org/bianet/insan-haklari/168336-sokaga-cikma-yasaginin-ardindan-fotograflarla-sur-ilcesi
Bild Afang

von Elif Akgül

An unserem letzten Tag in Diyarbakır, wo wir als eine Gruppe von Journalisten die Stimmung im Vorfeld der Wahlen einfangen wollten, sind wir in den Stadtbezirk Sur gegangen, unmittelbar nachdem die dort verhängte viertägige Ausgangssperre aufgehoben wurde. Das Straßenbild ist nach diesen vier Tagen geprägt von Einschusslöchern von Raketen und Kugeln, nationalistischen Sprüchen an den Hauswänden und anderen Zeugen staatlicher Gewalt.

Bild1 SurAm Morgen nach der Ausgangssperre beginnen die Einwohner von Sur mit der Schadenserfassung. Immer noch haben sie keinen Strom. Das Glas an den Fenstern ist kaputt, an den Wänden sind Spuren von den Kugeln und Raketen, die auf die Wohnhäuser gefeuert wurden. Die Schaufenster der Ladengeschäfte sind komplett zerstört. Die Inhaber der Geschäfte erzählen, dass die Sicherheitskräfte in den vier Tagen in den Läden aßen, tranken und ihre Zigarettenkippen auf den Boden warfen, während sie selbst nicht in ihre Läden durften.

Die meisten Einwohner haben ihre Häuser verlassen, sobald sie konnten. Daher wissen sie nicht, was sie erwartet, wenn sie zurückkehren. Diejenigen, die es nicht geschafft haben, rechtzeitig wegzugehen, verbrachten die vier Tage im Badezimmer, dem für sie sichersten Ort in der Wohnung.

Bild 2 Sur

Als wir auf das Zentrum des Bezirks zugehen, weisen uns die Bewohner auf die Moschee hin. Die Fatih Paşa Moschee, ein Bauwerk aus dem 16. Jahrhundert, hat ebenfalls Einschusslöcher an den Wänden.

Wenn man vor der Moschee steht, schaut man direkt auf eine Wand, auf die drei Halbmonde gemalt wurden, darüber steht: „Ihr werdet die Stärke der Türken erleben“. Die Bewohner sagen uns, die Wand sei vorher sauber gewesen, das sei während der Ausgangssperre entstanden.

Bild3 SurDie Wände der Häuser sind durchlöchert, in zwei Wohnungen haben Raketen größere Schäden hinterlassen. Bewohner Fehmi Baltık sagt, die Polizisten hätten wegen der zwei Rohre, die aus der Küchenwand nach draußen ragten und zur Abluft dienten, Verdacht geschöpft, dass sich in seinem Haus jemand verschanzt hätte und es deswegen angegriffen.

Bild4 SUrDas Einschussloch liegt quer über dem Herd. Baltıks Nachbarin Güllü Çınarlı berichtet, dass auch auf sie geschossen wurde, als sie zum Fenster ging, um zu sehen, was passiert sei. Die Kugeln seien auf ihren Rock gefallen. Daraufhin habe sie, gemeinsam mit den anderen Bewohnern des Mehrfamilienhauses, aus dem Gebäude fliehen wollen. Da habe die Polizei auf sie geschossen, und sie seien wieder in das Gebäude hinein gegangen. Nach einer Weile hätten sie es erneut versucht, aus dem Haus zu gehen und mit Erlaubnis der Polizei dann Sur verlassen.

Zwei Namen fallen am häufigsten: Helin Şen, die 12 Jahre alt war und die erschossen wurde, als sie Brot holen ging, und Halil Tüzülerk, den die Schüsse trafen, als er seine Tauben auf dem Dach füttern. Seine Leiche konnte bis zum Ende der Ausgangssperre nicht hinausgetragen werden.

Wir hatten von den beiden bereits am Tag unserer Ankunft in Diyarbakır, also am dritten Tag der Ausgangssperre, gehört, noch bevor die Namen der Verstorbenen bekannt gegeben wurden. Es hieß, die Gefechte um Sur herum dauerten noch an, und wir hörten Schüsse. Bild 5 SUrAls wir heute nach Sur kamen und mit den Menschen sprachen, die während der Ausgangssperre dort geblieben waren, stellte sich die Situation anders dar als man von außen angenommen hatte. Der Inhaber der Bäckerei in der Straße, in der Helin Şen erschossen wurde, erzählt, dass sich die jungen Menschen, die an den Gefechten beteiligt waren, am Freitag zurückgezogen hätten. Nachdem sie gekommen waren, seien Panzer in das Viertel eingedrungen, hätten beliebig geschossen, und die Scharfschützen hätten auf die Menschen gezielt, die auf die Straße gingen. Er berichtet weiter, dass als am zweiten Tag der Ausgangssperre keine Schüsse mehr zu hören waren, die Menschen aus ihren Häusern gingen, um Brot zu holen. Helin Şen sei an der Wand entlang in Richtung Bäckerei gegangen, als sie durch Schüsse, die von dem Panzerwagen abgefeuert wurden, am Kopf getroffen wurde. „Dann kamen sie in die Bäckerei und zwangen uns rauszugehen, wir konnten die Brote nicht backen. Keiner konnte Brot holen“, fährt er fort.

Helin Şens Tod hat die größte Wut bei den Menschen entfacht. Auch alle anderen, die wir fragen, sagen, nach Freitag habe niemand gekämpft. Die Polizei habe willkürlich auf die Häuser und die Menschen geschossen, die auf die Straße gingen. Auch wird berichtet, dass Polizisten in einige Wohnungen eingedrungen seien, dort alles durchwühlt und Waffen auf die Bewohner gerichtet hätten.

Bild6 Sur

Wir gehen in das Viertel Hasırlı und sprechen mit dem Bewohner von einer der Wohnungen, die am stärksten vom Raketenfeuer beschädigt wurden. Er ist 45 Jahre alt und möchte nicht, dass sein Name erwähnt wird. In der Wohnung wohnt er gemeinsam mit seiner Frau und seiner Schwiegertochter. Seine Kinder seien zu dem Zeitpunkt nicht in Sur gewesen. Die Polizisten seien in die Wohnung eingedrungen und hätten ihn, seine Frau und die schwangere Schwiegertochter gezwungen, in den Hof zu gehen, wo sie Waffen auf sie gerichtet hätten. Sie seien in die einzelnen Zimmer marschiert und hätten alles durcheinander gebracht. Viele Frauen, mit denen wir in Hasırlı sprechen, berichten, dass die Polizisten geflucht und sie beschimpft hätten.

Wir wollen erfahren, wer aus Sicht der Menschen in Sur für die Vorfälle verantwortlich ist und was für eine Lösung sie sich wünschen. Die meisten glauben nicht an eine Lösung, dennoch wollen sie wählen gehen. Auch wenn sie uns nicht offen sagen, wem sie ihre Stimme geben werden, machen sie deutlich, es wird nicht die AKP sein.

Bild7 Sur

Eine 24-jährige Frau spricht die Bürgermeister von der HDP an, die festgenommen wurden. Sie sagt: „Diese Graben hier sind entstanden, um zu verhindern, dass sie unsere Bürgermeister festnehmen. Aber der Alltag ging auch mit den Gräben weiter. Nach den Angriffen konnten die Menschen nicht mehr auf die Straße. Hätte es die Festnahmen nicht gegeben, wären die Gräben auch nicht da. Wir haben unser Recht auf Selbstverteidigung genutzt.“ Was den Frieden und eine Lösung für den Konflikt angeht, hat sie keine Hoffnung. Auf meine Frage, ob sie sich trotzdem an der Wahl beteiligen wird, sagt sie: „Sie wollten ja die Wahlurnen hier wegtragen. Natürlich werde ich mein demokratisches Recht nutzen und wählen gehen.“

Für den 60-jährigen İbrahim Akgül ist Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan verantwortlich. Akgül erzählt, dass er seit 40 Jahren in der Freiheitsbewegung sei, nach dem Putsch 1980 inhaftiert wurde und in Diyarbakır einsaß. „Wir wollen nichts anderes als Frieden und Demokratie“ sagt er, „so wie wir für die anderen Gleichberechtigung und Freiheit fordern, fordern wir es für unser eigenes Volk auch. Kurden, Türken, Armenier, Juden – wir wollen alle zusammen leben.“  (EA)

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Ausgangssperre in Sur

Das Gouverneursamt Diyarbakır hatte am 10. Oktober 2015 ab 05.00 Uhr eine Ausgangssperre für die Viertel Cevatpaşa, Dabanoğlu, Fatihpaşa, Hasırlı, Savaş und Cemal Yılmaz des zentralen Stadtbezirks Sur verhängt.

Es ist bekannt, dass während der Ausgangssperre, die vier Tage andauerte und am 13. Oktober wieder aufgehoben wurde, zwei Menschen ums Leben kamen, von denen einer ein Kind war. Es gibt jedoch bisher keine offiziellen Angaben über Tote und Verletzte.

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Die Reise wurde von P24 koordiniert.

Zur Autorin: Elif Akgül studierte Film und Fernsehen an der Bilgi Universität in Istanbul und war als Reporterin für den Sender IMC tätig. Sie leitet der Redaktion „Freie Meinungsäußerung“ bei bianet.

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