Blogger Asif Mohiuddin aus Bangladesch erhält den Politkovskaja-Journalisten-Preis 2015: „Mein Kampf gegen den islamischen Fanatismus.“

02.10.2015

Übersetzung aus dem Italienischen: Translators for Justice

Quelle: http://temi.repubblica.it/micromega-online/asif-mohiuddin-%E2%80%9Cla-mia-lotta-al-fanatismo-islamico%E2%80%9D-parla-il-blogger-premio-politkovskaja-2015/

Der bengalische Blogger, der Morddrohungen erhalten hat, hat bei der Verleihung des journalistischen Preises „Anna Politkovskaja“ 2015 beim Festival der italienischen Wochenzeitung Internazionale in Ferrara die Islamisierung und die mangelnde Meinungsfreiheit in Bangladesch angeprangert: „Die Regierung versucht stets, unsere Stimmen zum Schweigen zu bringen, unsere religiösen Führer möchten uns vernichten, und die Polizei und das Militär wollen uns peinigen, nur weil wir eine andere Meinung vertreten.“

von Asif Mohiuddin* von internazionale2015.pr.co

„Ich freue mich sehr, dieser Preis ist für mich eine wunderbare Überraschung. Ich halte mich nicht für einen guten Redner. Ich bin nur ein ganz normaler Blogger aus Bangladesch, der im Netz einen Raum zum Austausch verschiedener Meinungen schaffen wollte, um auf rationale, wissenschaftliche und kritische Weise zu diskutieren. Voltaire hat gesagt: ‚Wenn du wissen willst, wer dich beherrscht, musst du nur herausfinden, wen du nicht kritisieren darfst.‘ Ich habe herausgefunden, dass ich in Bangladesch weder die Regierung, noch das Militär, die Polizei oder die politischen Parteien und insbesondere nicht die Religion kritisieren darf.

Ich bin gegen jede Art von Kontrollsystem. Der Staat und die Regierung sollten uns nicht kontrollieren. Unsere Regierung versucht stets, unsere Stimmen zum Schweigen zu bringen, unsere religiösen Führer wollen uns vernichten, und die Polizei und das Militär wollen uns peinigen, nur weil wir eine andere Meinung vertreten. Wir sollten dazu ermutig werden, eine andere Meinung zu vertreten, statt deswegen zensiert zu werden. 2011 wurde ich von der Polizei festgenommen, weil ich einen Blog gegen die Regierung veröffentlicht hatte. Ich wurde 18 Stunden lang festgehalten, und ich wurde gefoltert, da ich einen Beitrag gegen die Entscheidung der Regierung veröffentlicht hatte, die Semesterstudiengebühren an den staatlichen Universitäten zu erhöhen. Ich war der erste Blogger, der festgenommen wurde, nur weil er etwas im Internet veröffentlicht hat.

In einem muslimischen Staat ist es noch nie einfach gewesen, Atheist zu sein. Ich habe die Köpfe meiner Freunde ohne ihren Körper gesehen, und ich habe Körper ohne Kopf gesehen – sie waren Atheisten und nicht mit der „Religion des Friedens“ einverstanden. Die meisten Menschen haben es nicht miterleben müssen, ständig Angst davor haben zu müssen, dass jemand in ihr Haus eindringt, sie auf die Straße hinausschleift und sie zu einer öffentlichen Hinrichtung verurteilt. Ich habe dies erlebt.

Ich komme aus Bangladesch. 89% der Bevölkerung sind dort muslimisch. Bangladesch hat sich als säkularer Staat von Pakistan abgespalten, dann nahm die Islamisierung jedoch sehr schnell zu, insbesondere was das Bildungssystem Madrassa und die religiösen islamischen Schulen betrifft, über die ich in meinen Artikeln geschrieben habe. Ich nenne diese Schulen die Produktionshäuser der Terroristen, weil sie dort Jahr für Jahr Millionen von Fanatikern heranziehen. Deshalb haben ich und andere Blogger, Schriftsteller, Journalisten, Lehrer, politische Aktivisten und Intellektuelle begonnen, gegen sie zu kämpfen.
Seit 2006 schreibe ich Blogs, weil keine Zeitschrift bereit war, meine kritischen Artikel zu veröffentlichen. Deshalb habe ich mit dem Bloggen begonnen. 2013 hat die Regierung Bangladeschs die für die Blogs zuständige Behörde gezwungen, sämtliche Inhalte von meiner Seite zu löschen. Zuvor war mein Blog einer der beliebtesten der Bangla-Gemeinschaft.
Ich war jahrelang auf verschiedenen Listen von politischen Parteien und fanatischen islamistischen Gruppen. Sie verlangten meine öffentliche Hinrichtung, weil ich die Scharia kritisiert habe und für die Rechte von Frauen und Homosexuellen eingetreten bin. Mal stand mein Name auf dem ersten Platz, mal auf dem dritten. Man hat versucht, mich zu entführen und zu töten. 2013 wurde ich brutal mit einer Machete angegriffen. Man hat mir vorgeworfen, dass ich Atheisten oder Laizisten heranziehen würde. Es hieß, ich würde junge Menschen mit meinem Blog zu Atheisten oder „Humanisten“ machen.
Nach dem Angriff auf mich haben wir eine Bewegung gegen die islamistische Politik ins Leben gerufen mit dem Ziel, Staat und Religion voneinander zu trennen. Einen Monat später haben die islamistischen Gruppen begonnen, nach uns zu fahnden. Sie haben eine Liste von 84 Bloggern erstellt: von diesen 84 wurden bisher 9 getötet. Ich habe irgendwie überlebt. Aber ich habe die brutalste Seite des religiösen Extremismus kennengelernt, die Unterdrückung durch den Staat, der keine Kritik akzeptiert.

Ich habe jedesmal, wenn ich meinte, dass etwas nicht richtig war, die Regierung, die politischen Parteien, die Religion, das Militär, die Polizei, praktisch alle kritisiert. Die Regierung hat mich festnehmen lassen, weil ich angeblich blasphemische Artikel geschrieben hatte. Ich wurde acht Tage lang verhört und war dreieinhalb Monate lang im Gefängnis. Auch dort wurde ich bedroht. Ich erhalte auch jetzt noch jeden Tag Morddrohungen.

Die Meinungsfreiheit muss geschützt werden, sonst wird Europa nicht mehr sicher sein. Die Bürger der islamischen Länder, insbesondere die Muslime, sind die ersten Opfer des islamischen Fundamentalismus. Wir müssen diese Menschen unterstützen, auch wenn sie sich durch unsere Kritik beleidigt fühlen. Ansonsten wird die gesamte Gesellschaft zusammenbrechen.

Der Kampf muss weitergehen. Ich werde schreiben, solange ich lebe. Ich bedanke mich für diesen Preis. Es ist mit eine große Ehre, ihn heute entgegennehmen zu dürfen, und er wird mich in Zukunft noch mehr anspornen.“

* aus internazionale2015.pr.co

(2. Oktober 2015)

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