Der offene Brief der 35 Flüchtlinge, die aus dem Flüchtlingszentrum in Tor Sapienza in Rom vertrieben wurden

15.11.2014

Übersetzung aus dem Italienischen: Translators for Justice

Quelle: http://frontierenews.it/2014/11/lettera-aperta-dei-35-rifugiati-sgombrati-dal-centro-tor-sapienza/

Die jungen Leute, von denen gestern vierzehn versucht haben, erneut das Flüchtlingsheim in Roms Vorstadt Tor Sapienza zu betreten, haben einen offenen Brief geschrieben, in dem sie über ihre Erfahrung berichten.

Es wird ständig über uns gesprochen, aber niemand kennt uns wirklich. Wir sind 35 Menschen aus verschiedenen Ländern: Pakistan, Mali, Äthiopien, Eritrea, Afghanistan, Mauretanien usw. Wir sind nicht alle gleich, jeder hat seine eigene Geschichte – wir sind Familienväter, Jugendliche, Hochschulabsolventen, Handwerker, Lehrer usw., aber wir sind alle nach Italien gekommen, um unser Leben zu retten. Wir haben den Krieg, die Gefangenschaft, den Konflikt in Libyen, die Taliban in Afghanistan und in Pakistan erlebt. Wir sind gereist, und zwar viel, mit jedem nur denkbaren Verkehrsmittel, nicht zuletzt auch zu Fuß. Wir haben alles aufgegeben: unsere Familien, unsere Kinder, unsere Frauen, unsere Eltern, unsere Freunde, unsere Arbeit, unser Zuhause. Wir wollen niemandem etwas Böses.

In den letzten Tagen haben wir viel über uns gehört: Wir würden stehlen, wir würden Frauen vergewaltigen, wir seien unzivilisiert und würden so den Verfall des Stadtviertels befördern, in dem wir leben. Diese Worte verletzen uns. Wir sind nämlich weder nach Italien gekommen, um Probleme zu verursachen, noch um mit den Italienern in Konflikt zu geraten. Im Gegenteil sind wir diesen sehr dankbar. Niemand von uns wird je vergessen, wie wir damals mitten im Meer von den italienischen Rettungskräften gerettet wurden, als wir unser Leben auf der Suche nach einem sicheren und freien Ort in Gefahr gebracht haben. Daran erinnern wir uns sehr genau. Wir sind hier, um uns als Teil der italienischen Gesellschaft ein neues Leben aufzubauen. Zusammen mit den Italienern wollen wir Lösungen finden, um die Probleme unserer Stadt in Angriff zu nehmen. Das wollen wir mit ihnen zusammen und nicht getrennt tun.

Seit drei Tagen leben wir in Angst und werden zur Zielscheibe wiederholter Angriffe: Wir wurden beleidigt, bedroht und mit Briefbomben angegriffen. Als wir von der Schule zurückkamen, wurden wir als „Scheiß-Neger“ beschimpft. Ehrlich gesagt, verstehen wir nicht, womit wir all das verdient haben. Genau wie die Italiener erleben auch wir die Probleme des Viertels, aber jetzt können wir nicht mehr schlafen. Wir finden keine Ruhe, wir bangen um unser Leben. Aber wir können nicht in unsere Heimat zurück, weil wir dort unser Leben riskieren. Auf diese Weise ist es uns unmöglich, an unsere Zukunft zu denken.

Wir widersetzen uns der Einbahnstraße des Rassismus. Deshalb wollen wir mit den Leuten sprechen und uns mit ihnen auseinandersetzen. Wir sind uns der Tatsache sehr bewusst, dass Gewalt zu weiterer Gewalt führt. Wir wissen das, weil wir es an unserem eigenen Leib in unseren Ländern erfahren haben. Wir wollen wissen, wer für unseren Schutz zuständig ist. Was tun die italienischen Behörden und die Stadt Rom für uns? Wir hoffen, dass die Polizei diejenigen findet und festnimmt, die uns mit Briefbomben angegriffen haben. Wer wäre dafür verantwortlich, wenn jemand von uns sterben sollte?

Wir wollen die Trennung zwischen Italienern und Ausländern aufheben. Wir denken, dass die gewalttätigen Ereignisse der letzten Tage nicht nur auf uns zielen, sondern auf die ganze Gemeinschaft. Wenn das Flüchtlingsheim, in dem wir gerade leben, schließen sollte, würde das nicht nur uns schaden. Auch das gesamte (Selbst)bild Italiens würde darunter leiden, sowie die Rechte aller Menschen, sicher und frei zu leben. Das Viertel gehört allen und wir wollen in Frieden mit den Einheimischen zusammenleben. Aus diesem Grund möchten wir nicht weg, sondern wollen vielmehr zusammenhalten. Denn seitdem wir hier wohnen, fühlen wir uns alle wie eine große Familie, die niemand von uns nie mehr verlieren möchte, nachdem wir schon alles verloren haben, was wir vorher hatten.

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