Menschen im Rollstuhl. Georgij Mestergasi: Schaffung einer barrierefreien Umgebung ist Problem auf föderaler Ebene

19.05.2014
Übersetzung aus dem Russischen: Translators for Justice
Quelle: Swobodnaja Pressa, http://svpressa.ru/society/article/87792/

von Olga Krasiwskaja

Am 15. Mai fand im Südöstlichen Verwaltungsbezirk Moskau eine Aktion unter dem Motto „Menschen im Rollstuhl: Gibt es eine barrierefreie Umgebung?“ statt. Die Aktion wurde von Georgij Mestergasi geleitet, promovierter Chefarzt im Krankenhaus für Kriegsveteranen Nr. 2. Mestergasi fuhr im Rollstuhl eine vorgegebene Route ab, die sich vom Krankenhaus im Wolgogradskij Prospekt bis zur Taschkentskaja-Straße erstreckte. Es war ein trauriges Bild: Ein erwachsener, starker Mann, fast zwei Meter groß, versucht die Rampe, die zu einem Wohnhaus führt, hinaufzufahren. Doch vergebens, der Aufstieg war einfach zu steil! Anschließend versuchte er, über die Auffahrrampe auf den Bürgersteig hinunterzufahren, jedoch drohte die Aktion zu scheitern und mit nicht weniger als einer Gehirnerschütterung zu enden…

Die kurze Rampe endete direkt an einer Wand: Unfallgefahr! Nicht einmal mit fremder Hilfe konnte er die Rampe hinauf und herunter fahren. Anschließend sollte der Testfahrer mit dem Rollstuhl in einen kleinen Supermarkt gelangen. Auch dieser Versuch scheiterte und der Abstieg hätte gar tödlich enden können, weil sich eine Betonerhöhung mitten im Weg befand. Die Fahrt geht weiter: In der Taschkentskaja-Straße befindet sich das Lebensmittelgeschäft „Produkty“, das mit einer Auffahrrampe ausgestattet ist. Dennoch war ein Aufstieg unmöglich. Und vor dem Optiker und der Apotheke befanden sich so hohe Stufen, dass es sogar für gesunde Menschen schwierig gewesen wäre, diese zu bewältigen: Man müsste dazu die Beine schon sehr hoch heben! Die Aktion hätte ein klägliches Ende genommen, aber als Mestergasi schließlich im Rollstuhl an einen Bus heranfuhr, sprang plötzlich der Fahrer heraus, drehte an einer Vorrichtung und senkte die Rampe, sodass nun der Einstieg in den Bus leicht möglich war. Das war der einzig positive Moment des ganzen „Ausflugs“.

Das Ziel der Aktion war es, Behörden und Öffentlichkeit darauf aufmerksam zu machen, dass Personen mit eingeschränkter Mobilität in Moskau größtenteils noch vor zahlreichen Hindernissen stehen, die ihre Fortbewegung nahezu unmöglich machen. Jemand, der im Rollstuhl sitzt, kann in seiner Wohnung nicht durch den Türrahmen fahren, ohne fremde Hilfe weder Wanne noch Toilette benutzen, gelangt nicht auf den Balkon oder auf den Hof, kann nicht in die Straßenbahn oder den Oberleitungsbus steigen, nicht die Rolltreppe zur U-Bahn hinunterfahren, keine Läden oder Apotheken aufsuchen… Ein in Russland altbekanntes Problem.

Gründe dafür gibt es einige: mangelhafte gesetzliche Auflagen, ihre Nichtbeachtung bei der Bauplanung oder auch die Nichteinhaltung von genehmigten Entwürfen durch Bauherren. Alles, was heutzutage von den kommunalen Ämtern durchgeführt wird, entspricht in keiner Weise den Bedürfnissen mobilitätseingeschränkter Personen, ja es verschärft die Situation sogar noch, da sie die unüberwindbare Umgebung für Menschen mit Behinderung unangetastet lässt.

Georgij Mestergasi erklärt: „Die Schaffung einer barrierefreien Umgebung ist ein weltweites, gesellschaftlich relevantes Problem, das auf föderaler Ebene angegangen werden muss. Dieses Problem besteht in allen Regionen Russlands und betrifft fast jede zweite Familie. Worauf muss die Regierung in Moskau besonderes Augenmerk legen? Darauf, dass es im Grunde bereits alles gibt, zum Beispiel Rampen. Aber das heißt noch lange nicht, dass auch alles funktioniert Der Schein trügt und unterdessen steigt die Zahl der Menschen mit Behinderung Jahr für Jahr. Es sind nicht nur ältere Menschen, deren Lebensqualität sich stark verschlechtert hat, sondern auch jüngere, die z. B. einen Verkehrsunfall hatten. Sie alle müssen auf eine fundamentale Sache verzichten: nämlich darauf, ein Teil der Gesellschaft zu sein.“ Der Arzt spricht aus Erfahrung, schließlich sieht er mit eigenen Augen, dass die von ihm behandelten und gepflegten Kranken zuhause ein Einsiedlerleben erwartet.

„Die Regierung in Moskau muss eine Bestandsaufnahme dieser Wohnobjekte durchführen,“ fährt der Arzt fort „und sie einer strengen Prüfung unterziehen. Die föderale Regierung muss russlandweit alte Bauauflagen und Bauordnungen abschaffen und humane Verordnungen einführen, die weltweit üblich sind, und Bauunternehmen auch dazu verpflichten, diese einzuhalten. Erst dann wird mobilitätsbehinderten Personen wirklich geholfen. Dann ist die Fürsorge für mobilitätsbehinderte Menschen und die Schaffung einer barrierefreien Umgebung kein Mythos mehr, sondern Realität,“ schließt Georgij Mestergasi.

Informationen von „Swobodnaja Pressa“:
Georgij Michailowitsch Mestergasi ist promovierter Chefarzt im Krankenhaus für Kriegsveteranen Nr. 2 des Gesundheitsausschusses der Stadt Moskau. Außerdem ist er Ehrenbürger des Südöstlichen Verwaltungsbezirks Moskau. Er hat mehr als 50 wissenschaftliche Publikationen verfasst. Seit 1990 wurden im oben genannten Krankenhaus mehr als 355.000 Kriegsveteranen behandelt. Ein weiteres Verdienst des Chefarztes ist der Bau eines Krankenhauses und eines Wohnkomplexes für die Familien von 250 Mitarbeitern des Krankenhauses.

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