Kobanê: Der verzweifelte Aufruf eines Arztes aus Suruç

8.10.2014
Übersetzung aus dem Türkischen: Translators for Justice
Quelle: http://www.bianet.org/bianet/saglik/158996-suruc-tan-bir-hekimin-cigligi

Prof. Dr. Cem Terzi, Chirurg an der Medizinischen Fakultät der Dokuz Eylül Universität Izmir, berichtet aus der türkischen Grenzstadt Suruç, die nur 15 km von der umkämpften syrischen Stadt Kobanê entfernt ist. Nach nur einem Einsatztag als freiwilliger Helfer im staatlichen Krankenhaus entstand folgende Darstellung der dort herrschenden großen Not.

1-Die befürchteten Straßenkämpfe in Kobanê haben begonnen. Die Zahl der Toten und Verwundeten ist deutlich gestiegen. Heute wurden etwa 10 Tote ins Krankenhaus gebracht. Die Zahl der Schwerverwundeten, die in diesem Krankenhaus versorgt und anschließend nach Diyarbakır und Urfa verlegt wurden, beläuft sich auf rund 60. Dabei fällt auf, dass in den Abendstunden auch Verwundete aus der zivilen Bevölkerung eingeliefert wurden. Es ist zu erwarten, dass sich morgen und in den folgenden Tagen die Lage verschlimmern wird.

2- Türkische und internationale Ärzteverbände müssen unverzüglich an die politischen Autoritäten appellieren, um ein Massaker in Kobanê zu verhindern. Diese Verpflichtung hat für den Türkischen Ärzteverband TTB und die Medizinergewerkschaft SES absolute Priorität. Sie hat selbst Vorrang vor der medizinischen Unterstützung vor Ort.

3- Es muss unverzüglich ein Feldkrankenhaus mit Intensivstation und Operationssaal zwischen Suruç und der syrischen Grenze errichtet werden. Einem Teil der Verwundeten kann nur so das Leben gerettet werden. Um ein Beispiel zu geben: Ein 18-Jähriger mit einer Femurfraktur kam infolge von starken Blutungen während des Transports ums Leben. Bei einer medizinischen Hilfe vor Ort hätten einige Menschen mit ähnlichen Verwundungen überleben können.

4- Es handelt sich ohne Zweifel um eine medizinische Notstandsituation. Es muss sofort ein Krisenstab gebildet werden. Dieser Krisenstab muss die Koordination der medizinischen Versorgung in Ankara, Suruç, Şanlıurfa und Diyarbakır koordinieren und bei komplizierteren Fällen, wie z.B. bei Verwundeten mit Organverlusten, die einen mikrochirurgischen Eingriff erforderlich machen, den Transport der Verwundeten in medizinische Zentren wie Ankara, İstanbul und İzmir ermöglichen.

5- Zwar wurde ein Aufruf an Ärzte und anderes medizinisches Personal gestartet, infolgedessen durch den Einsatz von freiwilligen Medizinern ein gewisser Bedarf gedeckt werden konnte. Allerdings erfordert die Notlage vor Ort die Mobilisierung aller Möglichkeiten des Gesundheitsministeriums. Wenn das Gesundheitsministerium hier nicht als primär verantwortliche Institution eingreift, werden alle Bemühungen nicht greifen. Dieser Umstand muss den Entscheidungsträgern im Ministerium in all seiner Dringlichkeit nahe gebracht werden. Die freiwilligen Helfer von SES und TTB wiederum spielen eine wichtige Rolle bei der Kommunikation mit dem medizinischen Personal vor Ort, den Patienten und deren Angehörigen. Deswegen ist eine Zusammenarbeit des Gesundheitsministeriums mit diesen zwei Medizinerverbänden unerlässlich.

6- Derzeit ist der Bedarf an Personal im staatlichem Krankenhaus von Suruç durch Freiwillige gedeckt. Viele werden allerdings in den nächsten Tagen zu ihrer eigentlichen Tätigkeit zurückkehren müssen. So muss ab dem 9. Oktober neues freiwilliges medizinisches Personal vom Gesundheitsministerium bzw. von der TTB und SES hierher entsandt werden. Andernfalls droht hier ein Chaos auszubrechen.

7- Im Krankenhaus von Suruç ist zur Zeit kein Facharzt für Thoraxchirurgie im Einsatz. Es werden jedoch viele Verwundete mit Thoraxtraumata eingeliefert. Es müssen unbedingt Fachärzte für Thoraxchirurgie entsandt werden. Im Krankenhaus fehlt es an Thorakotomie-Sets. Diese müssen umgehend besorgt werden.

8- Im Krankenhaus von Suruç ist nur ein Ventilator vorhanden. Manche Patienten werden für die Operation intubiert. Der Ventilatorbedarf ist dringend.

9- Bisher wurden Patienten in das Ausbildungs- und Forschungskrankenhaus von Şanlıurfa (Şanlıurfa Eğitim ve Araştırma Hastanesi) verlegt, das in 45 minütiger Entfernung liegt. Allerdings sind die Kapazitäten der Intensivstation und die allgemeine Bettenkapazität dieses Krankenhauses ab heute abend erschöpft. Es werden keine neuen Patienten mehr aufgenommen. Die Verlegung nach Diyarbakır dauert 3,5 Stunden, eine kaum akzeptable Zeitspanne für die Krankentransporte. Aus diesem Grund sollten alle Krankenhäuser in Şanlıurfa, einschließlich der privaten, eingebunden werden. Die Triage sollte von einem Spezialteam gesteuert werden.

10- Die Behandlung von Kopftraumata sind in Suruç nicht möglich. Alle Patienten mit Gehirntraumata werden nach Şanlıurfa verlegt. Nur einer der dort beschäftigten fünf Neurochirurgen war an den 5 Feiertagen zum Opferfest voll im Einsatz. Außerdem besteht Mangel an Operationsausstattung und medizinischen Utensilien. Materialien wie Kraniotomie-Motor, künstliche Dura Mater u.ä. müssen umgehend geliefert werden.

11- Im Folgenden wird der allgemeine Bedarf an medizinischem Fachpersonal für die nächsten Tage vor Ort aufgelistet:

a) Neurochirurgen
b) Thoraxchirurgen
c) Allgemeinchirurgen
d) Herz-Gefäss-Chirurgen
e) Orthopedisten
f) Anästhesisten
g) Notfallmediziner
h) Anästhesietechniker
i) Radiologen
j) Fachärzte für plastische Chirurgie
k) Praktische Ärzte mit Erfahrung als Notarzt oder Rettungshelfer für den Einsatz beim Krankentransport

12- Bedauerlicherweise kommt es immer wieder zu Vorfällen beim Krankentransport auf der Strecke zwischen dem Grenzübergang und dem Krankenhaus, was einen bedeutenden Zeitverlust verursacht. Die lokalen Autoritäten müssen davon überzeugt werden, dass nicht nur Krankenwagen des staatlichen Notfalldiensts 112, sondern auch Krankenwagen der kommunalen und anderen medizinischen Einrichtungen eingesetzt werden müssen.

13- Die Verkehrssicherheit stellt ein ernstes Problem dar. Heute kam es zweimal zu Unfällen während des Transports. Infolge dieser Unfälle wurden wiederum traumatisierte Patienten ins Krankenhaus von Suruç eingeliefert. Die Verkehrssicherheit muss dringlichst gewährleistet werden.

14- Eventuell muss eine provisorische Blutbank im Stadtzentrum von Suruç eingerichtet werden. Heute wurden große Mengen an Bluttransfusionen problemlos durchgeführt. Allerdings könnten in den nächsten Tagen Engpässe entstehen.

15- Für den Verwundetentransport könnte auch die Stadt Gaziantep in die Koordination eingebunden werden.

16- In Suruç befinden sich etwa 10 Ärzte aus Kobanê. Wenn sie in den staatlichen Krankenhäusern in Suruç und Şanlıurfa eingesetzt werden könnten, würden sie dabei behilflich sein können, Kommunikationsprobleme mit den Verwundeten zu überwinden.

17- Das Kulturzentrum Amara dient als Poliklinik und Lazarett für die Behandlung der Menschen in den Flüchtlingslagern. Es wurde dort eine Apotheke eingerichtet. Die physischen Voraussetzungen sind weit davon entfernt, den Bedarf zu decken. Schlechte Bedingungen, an erster Stelle die schlechte hygienische Lage, verhindern eine bedarfsgerechte medizinische Versorgung.

18- Auf der syrischen Seite befindet sich in Grenznähe ein Lazarett. Zwei Ärzte sind dort im Einsatz. Außer dieser Einrichtung funktionieren in Kobanê keine medizinischen Einrichtungen mehr. Während eines Gesprächs an der Grenze übermittelten diese Ärzte uns, dass sie dringend Prednisolon, Adrenalin, chirurgische Instrumente und Materialien, Lokalanästhetika benötigen. Dies zeigt, dass in Kobanê ein großer Mangel an Medikamenten und medizinischen Utensilien herrscht. Um diesen Bedarf decken zu können, muss eine offizielle Vernetzungsstruktur aufgebaut werden. (CT/HK)

* Dr. Cem Terzi ist Vorstandsvorsitzender der Europäischen Gesellschaft für Chirurgie, Professor an der Medizinischen Fakultät der Universität Dokuz Eylül und Freiwilliger Helfer bei den Medizinerorganisationen TTB und SES

3 comments

  1. Da wird einem Angst und Grauß,was im 21.Jahrhundert geschieht.Sind dass die Vorboten des WWIII? Thanks Amerika!

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