“Meine Kinder sollen nicht im Gefängnis laufen lernen”

11. Mai 2014
Übersetzung aus dem Türkischen: Translators for Justice
Quelle: http://www.sendika.org/2014/05/cocuklarim-ilk-adimlarini-cezaevinde-atmasin/

In einer Woche muss Mülkiye Demir Kılınç zusammen mit ihren fünfeinhalb Monate alten Zwillingen ins Gefängnis. Ihre Haftstrafe von zwei Jahren und einem Monat wurde vom Obersten Gerichtshof bestätigt.

„Wenn meine Haftstrafe wenigstens um ein Jahr verschoben werden könnte, dann müssten meine Kinder das Laufen nicht im Gefängnis lernen. Aber es sind nur noch 8 Tage und es gibt immer noch keine gute Nachricht. Deswegen kann ich mich kaum über den heutigen Muttertag freuen,“ sagt Mülkiye Demir.

Auf dem Platz vor dem Galatasaray-Gymnasium in Istanbul fand am 11. Mai, an dem in der Türkei der Muttertag begangen wird, eine Veranstaltung zur Unterstützung von Mülkiye Demir Kılınç statt. (1)

Neben Mülkiye Demir Kılınç, die einen Margeritenstrauß überreicht bekam, und ihrem Mann Ahmet Kılınç nahmen an der Veranstaltung unter anderem Vertreterinnen des Frauenparlaments der BDP und die CHP-Abgeordnete von Istanbul Melda Onur teil.

Die Rechtsanwältin Gülizar Tuncer vom türkischen Menschenrechtsverein erklärte, in der Türkei würden nicht nur Mütter zusammen mit ihren Kindern ins Gefängnis gesteckt, sondern es seien sogar schwangere Frauen gefoltert worden. Insbesondere bei kurdischen Frauen seien solche Folterungen jahrelang systematisch durchgeführt worden.

Die CHP-Abgeordnete Melda Onur erklärte: “Im Namen aller Mütter möchte ich mich bei Mülkiye dafür entschuldigen, dass sie das miterleben muss. Ich denke aber, dass in Ankara der Hilfeschrei dieser Mutter nicht ungehört verhallen wird. Das Familien- und das Justizministerium sind bestimmt in der Lage, in diesem Fall eine Lösung zu finden.” Unter Tränen fuhr Melda Onur fort: “Wie sollen wir von Menschen, die schon als Babys im Gefängnis waren, später erwarten, dass sie im Leben richtig Fuß fassen?”

Als letzte ergriff bei der Veranstaltung Mülkiye Demir Kılınç selbst das Wort. Sie erklärte, dass sie einen Antrag auf Verschiebung des Strafantritts um ein Jahr gestellt habe. “Jetzt kann man sagen, was soll das eine Jahr schon ändern? Aber für mich ist es von Bedeutung, dass meine Kinder wenigstens das Laufen in der Freiheit lernen und nicht in einem Gefängnis.” Sie betonte, sie habe die Hoffnung nicht aufgegeben. “Ich packe zwar schon meine Sachen fürs Gefängnis, hoffe aber trotzdem noch, dass sich dieser Rechtlosigkeit ein Ende finden wird.”
Mülkiye Demir Kılınç dankte den Medienvertretern und den demokratischen Organisationen, die sich für sie eingesetzt und sie in dieser schwierigen Zeit nicht allein gelassen hätten. Aus dieser Unterstützung habe sie viel Kraft geschöpft. “Mir geht es inzwischen nicht mehr um die Rechtmäßigkeit meiner Verurteilung, sondern ich möchte nur noch, dass Babys und kleine Kinder in Gefängnissen würdig untergebracht werden. Wenn Mütter schon eingesperrt werden müssen, dann soll man wenigstens die Haftbedingungen entsprechend anpassen. Da ich nicht mehr stillen kann, bekommen meine Kinder Flaschenmilch, und da erfahre ich nun, dass im Gefängnis gläserne Fläschchen und Spielzeug verboten sind. Für eine Mutter ist so etwas furchtbar.”

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(1) Mülkiye Demir Kılınç wurde wegen des Verkaufs von Büchern an einen Mittelsmann der PKK als angebliche PKK-Unterstützerin zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. (Anm. der TfJ-Redaktion)

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