Wenn die Schulden ins Unermessliche steigen

15.5.2014
Übersetzung aus dem Türkischen: Translators for Justice
Quelle: http://haber.sol.org.tr/yazarlar/aydemir-guler/hesap-kabardiktan-sonra-92444

Aydemir Güler

Wenn großes Leid entsteht, kann nur Solidarität und Anteilnahme Linderung verschaffen. Die Leidtragenden können nur in der Umarmung Halt finden. Wenn wir doch nur mit einem Problem konfrontiert wären, das mit einer solchen Haltung behoben werden könnte. Es gibt so viele Menschen in der Türkei, die Wege finden können, um zu zeigen, dass sie zueinander stehen. Wir tun das ja ohnehin. Wir stehen zueinander. Wir werden es weiterhin tun. Wir wissen, dass das Feuer, das in Soma ausgebrochen ist, zig Millionen Herzen verbrannt hat. Jeder nimmt Anteil. Die Geschäfte lassen ihre Rolläden herunter. Studenten gehen nicht in die Seminare, Dozenten lassen Lehrveranstaltungen ausfallen. Bergleute steigen nicht mehr in die Grube hinab. Die Türkei versucht auf diese Weise, wieder zu sich zu kommen…

Aber es nimmt kein Ende. Weil wir hier nicht von Leid sprechen können, ohne das Subjekt zu benennen. Wenn Grubenunglück etwas wäre, das nicht durch Wissenschaft, Technik, Erfahrung verhindert werden könnte, dann wäre das, was getan werden muss, das, was eingefordert werden muss, die Schließung der Bergwerke.

Die Ursache dafür, dass Gruben zur Todesfalle werden, ist die Profitgier des Kapitals. Die Gier könnte ohne die Mittäterschaft des Staates nichts bewirken. Diese beiden Aspekte sind gemeinsam am Werk gewesen und haben zu einer Bluttat unglaublicher Dimension geführt.

In diesem Verbrechen steckt die Zurückweisung einer parlamentarischen Untersuchung durch die AKP. In diesem Verbrechen steckt auch, dass mit der Nachricht über den „Unfall“ zunächst einmal die Spezialeinheiten der Polizei aus der Hauptstadt der Provinz nach Soma verlegt wurden. Dann ist da noch die Beschäftigung von illegalen Arbeitern und Kinderarbeitern. Und diese beharrliche Verweigerung von Sicherheitsmaßnahmen. Menschenleben ist ihnen im wahrsten Sinne des Wortes vollkommen egal. Dann gibt es auch die Politik der Privatisierungen. Und ein Unternehmen, das Günstling der Regierung ist…

Wir haben es mit einem großen Verbrechen zu tun.

Der Täter war sich seiner Tat von Anfang an bewusst. Wir haben einen Staat miterlebt, der in der Nacht vom 13. auf den 14. Mai erwartet hat, dass jeder außer den Angehörigen, die auf Nachricht von den Verunglückten warteten, ruhig ins Bett gehen würde. Eine Regierung, die bis Mitternacht die Nachricht verbreitete, dass die Hunderten von Toten nur 4-5 Personen seien. Eine Regierung, die die Wahrheit vor ihrem Volk versteckte. „Die Kollektivlüge“ war der Beweis für organisierte Kriminalität.
Es war ja eigentlich so klar… Wir haben TV-Sender miterlebt, die Kontakt mit einem „Verantwortlichen“ aufnehmen und dann plötzlich die Untertitel korrigieren. Diese Verantwortlichen treten in Fernsehsendungen auf, um die Wahrheit so gut es geht zu vertuschen. Alles war so klar; weil die Verantwortlichen am Telefon einfach schnell auflegten, wenn die Fragerei zu lange dauerte.
„Es tut uns schrecklich leid, liebe Zuschauer, die Leitung ist wohl abgebrochen…!“ Die Leitung, die abgebrochen ist, ist die Leitung zwischen den Regierenden und den Regierten.

Es kann schon sein, dass es auf dieser Welt andere Orte gibt, die so regiert werden können. Ich kann nicht das Gegenteil behaupten. Aber ich werde nicht aufhören zu wiederholen, dass es in der Türkei so nicht weitergehen kann. Die Mehrheit in der Türkei wird Schulter an Schulter stehen, sich gegenseitig umarmen, und ihr Leid damit lindern. Die Regierenden in der Türkei werden versuchen, die Lage mit Lüge, Betrug und Verzerrungen unter Kontrolle zu behalten.

Soma hat das Bedrängnis der Bevölkerung vergrößert. Die Wut ist gewachsen. Die AKP ist lediglich imstande, diese Wut für ein paar Stunden aufzuschieben. Die organisierte Lüge vermag eben nur so viel. Diese paar Stunden sind schon längst abgelaufen. Die Wut muss herausbrechen. Dagegen hilft nichts mehr. Diejenigen, die wie Erdoğan denken, sagen: „Wir haben noch viel größere Wut erlebt“. Das ist unverständlich. Sie scheinen überhaupt nicht wahrzunehmen, wo sie leben und welche Menschen sie regieren. Sie glauben, dass es sich hier um eines der „theoretisch“ möglichen und „leicht regierbaren“ Länder der Welt handelt.

Sie irren sich.

Wir müssen zeigen, dass sie sich irren. Dafür ist die Vereinigung der Wut mit politischer Vernunft der einzige Weg. „Es kann in der Türkei so nicht weitergehen.“ Wir wissen das seit einem Jahr. Die Wut der Bevölkerung, die Spaltung der Gesellschaft bezeugen es. „So nicht!“ Die politische Vernunft muss die Antwort auf die Frage „und wie soll es weitergehen?“ finden. Dann wird die Energie des „So nicht!“, die das Existierende ablehnt, mit einem positiven Inhalt verknüpft. Dann wird sich diese Energie vermehren, immer weiter…

Wenn Sie mich fragen, dann können wir unsere Schuld gegenüber den Bergleuten von Soma nur auf diese Weise begleichen…

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