Ukraine – Wenn die Hoffnung auf Frieden durch Kriegsvorbereitungen getrübt wird

26.3.2014
Übersetzung aus dem Englischen: Translators for Justice
Quelle: http://www.opendemocracy.net/od-russia/iryna-solomko/ukraine-%E2%80%93-hoping-for-peace-but-preparing-for-war-Crimea-Russia

Iryna Solomko

Die Ukrainer haben sich mit dem Verlust der Krim abgefunden, doch die Diskriminierung Andersdenkender hat bereits begonnen. Die Mobilisierung eines Teils der Truppen verstärkt zudem ihre Angst davor, dass sie genötigt werden könnten, mit traditionelleren Mitteln ihre eigene Zukunft zu verteidigen.

„Ich möchte nicht an den Verlust der Krim denken… Allein schon der Gedanke an den Verlust der Krim ist für mich nicht zu ertragen. Nicht, weil ich die Halbinsel als Teil meines Landes sehe. Und auch nicht, weil ich es liebe, durch den Livadia Park zu spazieren, durch die Berglandschaften der Krim zu wandern, das die schmale Silhouette meiner liebsten Bäume auf der Krim, der Kiefern, zu bewundern oder im Winter die verwaisten Strände Jaltas entlang zu maschieren. Nein.

Ich ertrage den Gedanken deshalb nicht, da ich weiß, dass dort eine hohe Anzahl von Menschen lebt, darunter auch Freunde von mir, die sich selbst als Ukrainer bezeichnen. Wir haben nicht das Recht, sie zu hintergehen.“

Die Krim ist verloren

Diese Zeilen schrieb ich vor mehr als zwei Wochen. Heute muss ich mich mit einer neuen Wirklichkeit abfinden. Zehn Tage ohne die Krim. Die Ukraine hat sich fast sofort an den Gedanken gewöhnt, dass die Halbinsel für uns verloren ist. Die harm- und rückratslose Opposition hatte sich dazu entschieden, dem selben Grundsatz zu folgen, den auch Wiktor Janukowytsch befolgte – nämlich die Ereignisse zu ignorieren. Im Prinzip entschied sich die Regierung dazu, mit dem Strom zu schwimmen, indem sie an die internationale Gemeinschaft appellierten und die auf die Offensichtlichkeit der Situation hinzuweisen.

Doch Russland hat sein eigenes Gesetz: Macht ist Recht. Die Wahrheit hinter der schamlosen Lüge, bei der Schwarz gleich Weiß ist.

Von Beginn der Konfrontation an erreichten mich Anrufe von Menschen auf der Krim. Dabei handelte es sich um sehr unterschiedliche Menschen: Journalisten, Soldaten sowie Mitarbeiter des Sicherheitsdiensts schütteten mir ihr Herz aus, schilderten mir ihren Zorn und baten mich um Hilfe. Sie dachten, die neue Regierung sei weise, und dass sie die Meinung von Menschen wie uns Journalisten berücksichtige. Doch all unsere Aufforderungen zur Einleitung geeigneter Schritte blieben unbeachtet.

Selbst das Referendum und die Ausrufung der Krim als Teil der Russischen Föderation schafften es nicht, die Regierung auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen: auch jetzt noch wird über ein einheitliches Überprüfungssystem für Schulkinder oder über den geeigneten Beginn der Aussaat auf der Halbinsel im Frühjahr diskutiert.

Diskriminierung

An Hilfsmaßnahmen für die Opfer des von Wladimir Putin geführten dreckigen Krieges wird kein Gedanke verschwendet. Der Teil der Bevölkerung auf der Krim, der sich auf der „pro-Ukraine“ Seite stehen sieht, sowie die Krimtataren, erhalten keine Hilfe und auch keine Hinweise darauf, wie es mit ihnen weitergehen soll. Im Grunde werden diese Bevölkerungsgruppen ignoriert. Zeitgleich hat die Verfolgung der Ukrainer und der Krimtataren bereits begonnen.

„Ich lebe schon jetzt in einem Land, das einem Spiegelkabinett gleicht“, schrieb mir meine Freundin Yelena aus Sewastopol. „Ich kann es nicht mehr ertragen, als Verräter bezeichnet zu werden. Ein Foto von mir wurde mit dem Zusatz „zu eliminieren“ auf lokalen Internetforen hochgeladen. Es ist ein moralisches Labyrinth. Schon jetzt habe ich jegliches Gefühl für die Realität verloren. Und es fängt gerade erst an. Die Ereignisse werden erst dann volle Fahrt aufnehmen, wenn ich mich weigere, die russische Staatsbürgerschaft anzunehmen. Die Aufforderung, sich um den Erhalt der russischen Staatsbürgerschaft zu bewerben, ist nur eine weitere Maßnahme, um eine Liste unerwünschter Personen aufzustellen. Ich denke, auf diesen Listen befinden sich die Namen der Menschen, die „verschwinden“ müssen und mit denen sich die Regierung noch auseinandersetzen muss. Jeder versucht mich eines anderen zu belehren, aber ich kann diesen unnützen (russischen) Pass einfach nicht annehmen.“

Eine weitere Freundin aus Sewastopol hat bereits all ihre Social Media-Konten gelöscht. Eingeweihte Personen hatten ihr geraten, für einige Wochen unterzutauchen. Gerade einmal zwei Tage vor dem Referendum berichtete mir ebendiese Freundin von den Ratschlägen der „pro-russischen“ Anwohner der Stadt: „Wenn du gerne eine neue Wohnung hättest oder dich nach anderen Wohnmöglichkeiten umschaust; bald werden haufenweise Wohnungen leer stehen. Sobald das Referendum abgeschlossen ist, werden wir die Anhänger Banderas rausschmeißen und einziehen wo wir wollen!“ Es ist sogar die Rede von freien Arbeitsplätzen… nehmen Sie sich, was sie wollen!

Ist das erst der Anfang?

All das hat erneut zur Entrüstung in der Bevölkerung geführt. Die Menschen rufen zu neuen Protesten auf und kritisieren die Regierung, die wiederum den Menschen auf der Krim die Schuld in die Schuhe schiebt. Sie sind doch selbst Schuld… Wo war ihr Maidan und ihre Widerstandsbewegung? Warum sollten wir ihnen helfen?

Diese politische Unreife verärgert die Bürgerinnen und Bürger natürlich. In den sozialen Netzwerken wimmelt es nur so von Protesten. Die Menschen auf der Krim können nicht verstehen, warum ihnen die Behörden die kalte Schulter zeigen. Wie kann man seinen eigenen Staatsbürgern nur zumuten, dasssie den Angreifer alleine konfrontieren?

Doch viele sind sich auch der anderen Gefahren bewusst. Die Krim ist erst der Anfang. Das Gehirn des neuen Diktators macht Überstunden und es wird nicht mit der Aufnahme der Krim aufhören. Das wurde durch Wladimir Putins Ansprache an den Föderationsrat deutlich.

„Nach der Revolution haben die Bolschewiken aus verschiedenen Gründen (möge Gott ihr Richter sein) viele bedeutende Regionen in den südlichen Gebieten des historischen Russlands in die Ukrainische SSR aufgenommen. Dies geschah ohne Berücksichtigung der ethnischen Zusammensetzung der Bevölkerung, und heute stellen diese Regionen den Südosten der Ukraine dar“, gab er an, „Millionen Russen gingen in dem einen Land zu Bett und wachten in einem anderen auf. Das russische Volk wurde zu der weltweit größten ethnischen Gruppe, die durch Grenzen gespalten wurde.

Mobilisierung eines Teils der Truppen

Daraus entnehmen wir, dass der Versuch, das „mythisch gespaltene russische Volk“ zu vereinen, an dem außer Putin niemand Interesse hat, Städte wie Luhansk, Donezk, Charkiw, u. a. einschließen könnte.

Dessen ist sich die ukrainische Regierung offensichtlich auch bewusst. Am 17. März verabschiedete die Werchowna Rada (das ukrainische Parlament) ein Präsidialdekret zur Mobilisierung eines Teils der Truppen, beginnend mit militärischen Spezialisten wie Scharfschützen, Fahrzeugführern, Mechanikern usw.

Einer meiner Freunde, der die Armee vor einigen Jahren verlassen hatte, behauptet, er habe bereits sein Einberufungsschreiben erhalten. In der Vergangenheit machten die meisten Urkainer einen großen Bogen um diese Schreiben, doch heutzutage suchen sie aus freiem Willen die Rekrutierungszentren auf. Schon Anfang März, als die russischen Streitkräfte begannen, auf die Krim vorzurücken, war diese Welle des Patriotismus spürbar. Viele meiner Freunde gingen in die Rekrutierungszentren, um sich freiwillig zu melden. Viele andere taten dasselbe, sodass es sogar zu Schlangen kam. So etwas hatte es in der unabhängigen Ukraine noch nie gegeben.

Im Herbst des Jahres 1961, zu Hochzeiten des Kalten Krieges, stellte sich der sowjetische Dichter Yevgeny Yevtushenko die Frage: „Wollen die Russen Krieg?“

Ich weiß nicht wie die Russen darüber denken, aber wir wollen ihn nicht. Die Erstürmung des Maidan und der Tod der „Heavenly Hundred“ lag am 18. März einen Monat zurück. Die Wunden und Narben an Seele und Herz der Ukrainer sind noch frisch und die Erinnerungen sind schmerzvoll und erschütternd. Auf der Institutska-Straße, der Stelle, an der Scharfschützen vor einem Monat das Feuer auf die Menschenmenge eröffneten, erinnern immer noch Blumen an die Opfer. Wir haben Zeiten durchlebt, die von wilder, blutiger und sinnloser Gewalt geprägt waren – wir wollen kein erneutes Blutvergießen.

Zur gleichen Zeit sind sich alle darüber einig, dass wir Ukrainer unsere Zukunft ein weiteres Mal verteidigen müssen. Wir brachten unseren eigenen Tyrannen erfolgreich zum Sturz und wir werden zum richtigen Zeitpunkt bereit sein, dies auch mit dem eines anderen Landes zu tun.

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