Gazas Kinder tragen die Narben des Kriegs

10.12.2012
Übersetzung aus dem Englischen: Translators for Justice
Quelle: http://newint.org/blog/2012/12/10/gaza-children-impacts-war/

Noreen Sadik

Das kleine Mädchen trat wild um sich und seine Schreie erfüllten den Aufwachraum. Seine Mutter beugte zu ihm herunter, um es zu beruhigen und wandte dabei das Gesicht ab in dem Versuch, die eigenen Tränen zu verbergen. „Ich will mit Papa reden“, weinte ihre Tochter. Doch auch ein Telefonat mit dem Vater vermochte ihre Schmerzen nicht zu lindern.

Besan Ajrami kommt aus Gaza. Das neunjährige Mädchen wurde Opfer des achttägigen Bombardements durch Israel im November 2012. Als einzige von über 1.000 Verletzten wird sie zur ärztlichen Behandlung nach Israel gebracht.

Nach Angaben des Gesundheitsministeriums in Gaza-Stadt wurden etwa 170 Palästinenser getötet, darunter 33 Kinder. 1.269 Menschen wurden während der ‚Operation Wolkensäule‘ verletzt. Auf eine grausame, verzwickte Art hatte Besan Glück – Sie hat überlebt.

Eine Woche nach diesem erschütternden Krankenhausbesuch erzählte mir Besans Mutter Soad, was sich zugetragen hatte: Es war der zweite Tag des Kriegs. Wegen eines muslimischen Feiertags gingen Besan und ihre Zwillingsschwester Ruba nicht zur Schule. Die Mädchen spielten, während ihre Mutter das Mittagessen zubereitete. Plötzlich hörte Soad einen lauten Knall und das ganze Haus wackelte so heftig, dass die Fensterscheiben barsten. „Dieser Krieg war anders als der von 2008. Diesmal blieb nicht ein einziger Winkel von Gaza verschont. Und in dem Gebiet, in dem wir leben, gibt es keine Regierungsgebäude“, sagte Soad und verwies damit auf das Fehlen von Alarmsystemen bzw. Schutzunterkünften in Gaza-Stadt.

„Ruba war unverletzt, doch als ich Blut an der Wand sah, wusste ich, dass es Besan getroffen hatte. Ich rannte hinaus auf die Straße und schrie um Hilfe. Da war ein Krankenwagen, in den andere Verletzte aus der Nachbarschaft gebracht wurden und man nahm auch Besan mit.“

Sami Ajrami, Besans Vater, erhielt den Anruf, den alle Eltern fürchten. „Ich war vor Schreck wie gelähmt. Dann eilte ich unter Tränen ins Krankenhaus; ich befürchtete das allerschlimmste“, sagte er.

Als er im Krankenhaus ankam, teilte man ihm mit, dass Besan drei Finger der rechten Hand verloren habe. „Sie stand unter Schock, konnte nicht sprechen und weinte die ganze Zeit. Sie konnte nicht länger als eine Stunde durchschlafen. Dann wachte sie angsterfüllt auf“, berichtete er.

Besans Operation in Gaza war nicht erfolgreich und so wurde sie ein weiteres Mal zum Opfer – diesmal wegen der Blockade des Gaza-Streifens. Sie musste sich zwei weiteren Eingriffen in Israel unterziehen.

Die Blockade des Gaza-Streifens führt zu erheblichen Engpässen bei der Medikamentenversorgung und behindert die Krankenhäuser nachhaltig bei der Versorgung einer großen Zahl von Verletzten. Nach Angaben des Amts der Vereinten Nationen für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (UNOCHA) fehlen 40 Prozent der notwendigen Medikamente und 65 Prozent der wichtigsten Gebrauchsmaterialien.

Zwar war es in erster Linie Besan, die psychischen und physischen Schmerz litt, doch auch Ruba, die alles hatte mit ansehen müssen, war traumatisiert. „Es fällt ihr schwer, damit klarzukommen, dass ihre Zwillingsschwester ihre Finger verloren hat und sie weigert sich sogar, mit ihr im selben Zimmer zu schlafen“, so der Vater.

Laut Diana Araki von UNICEF fürchten sich 92 Prozent der Kinder in Gaza vor lauten Geräuschen und 67 Prozent leiden infolge der Luftangriffe vom November 2012 unter Alpträumen. Bettnässen betrifft mittlerweile 18 Prozent älterer und 47 Prozent jüngerer Kinder. Zudem leiden die Kinder unter enormer Stressbelastung, Angst, Konzentrationsmangel, Wut sowie posttraumatischen Belastungsstörungen. Außerdem sind Probleme mit Bewältigung und Interaktion weitverbreitet.

Nach Schätzungen des UNOCHA benötigen 6.800 Kinder, deren Zuhause durch die jüngsten Luftangriffe beschädigt oder zerstört wurde, dringend psychosoziale Betreuung.

Besans lange, dunkle Wimpern rahmen ihre braunen Augen und an ihrem Kinn zeichnet sich ein leichtes Grübchen ab. Nur ihre Daumenspitze ragt unter dem Verband hervor, der die Stelle bedeckt, an der sich einst ihre Finger befanden

Ihr Vater erklärt, sie gehe noch nicht wieder zur Schule und spiele lieber alleine in ihrem Zimmer. Traurigkeit überschattet das ehemals fröhliche Mädchen. Besans Familie ist nun daran gelegen, dass sie lernt, ihre linke Hand zu benutzen, „aber es ist schwer, sie davon zu überzeugen“, sagt ihr Vater.

Doch ist er optimistisch. „Ich glaube, dass sie bald darüber hinweg kommen wird und dann wieder all das tun wird, was sie auch zuvor getan hat. Sie ist ein starkes Kind, trotz der Verletzungen.“ Ihre Eltern denken über eine Prothese nach. Auf diese Weise würde sie nicht das Gefühl haben müssen, anders zu sein als die anderen Kinder.

Familie Ajrami hatte mehr Glück als manch andere Familie. Besan wird zur Fortsetzung ihrer Behandlung nach Israel zurückkehren. Doch gibt es zahlreiche Mütter, deren Kinder mehr verloren haben als Finger. Und es gibt zahlreiche Väter, die jenen gefürchteten Anruf erhalten haben. Krieg ist keine Lösung.

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