Füsun Erdoğan: Eine Bücherfeier und die Geschichte vom feingemahlenen Bulgur

27.12.2013.
Übersetzung aus dem Türkischen: Translators for Justice
Quelle: http://www.bianet.org/bianet/insan-haklari/152389-kitap-kutlamasi-ve-ince-bulgurun-oykusu

TfJ übersetzt Texte inhaftierter und/oder verfolgter Autorinnen und Autoren. Eine Zusammenarbeit mit dem deutschen P.E.N. im Rahmen des Projekts Writers in Prison

Füsun Erdoğan

Mein Buch war gerade erschienen. Als ich Gülazer bei der Veranstaltung traf, die die Anstaltsleitung organisiert hatte, sagte sie: „Ich habe noch nichts über dein Buch geschrieben. Wir warten darauf, dass du in unsere Zelle kommst, um mit dir zu feiern.“ Ich fragte: „Und was ist mit deinem?“

Am 16. September fand die Verlegung dann endlich statt, auf die ich Monate lang gewartet hatte. Und zwei Wochen später haben wir das Erscheinen von Gülazers Buch „Topfboden“ und von meinem „Die Rolle Rosa Luxemburgs für Frauen in der Führung“ gefeiert.

Zu den Feiern im Gefängnis gehört unbedingt ein Kuchen auf Gefängnisart und der Verzehr von Knabbereien, deren Zusammensetzung von der finanziellen Lage der Kommune abhängt. Ich wusste, dass eine der Frauen in Zelle A-3 Expertin für Rohköfte ist und wollte unbedingt welche für die Feier haben.

Früher konnte man in den Gefängniskantinen keinen Bulgur kaufen. Die Logik, der man folgte, um den feinen Bulgur in den Kantinen zu verbieten, entsprach der, die einmal zu einer Keks-und-Pudding-Disziplinarstrafe in den geschlossenen Typ-F-Hochsicherheits-gefängnissen geführt hatte. Dort waren nämlich in einem aus Pudding und Keksen zubereiteten Kuchen „die Kekse zweckentfremdet“ worden, wie man feststellte. Nun ja, logisches Denken zu erwarten ist zuviel verlangt, welches Verbot hat hier schon eine Logik.

Irgendwann – wenn ich mich recht erinnere, war es das dritte Jahr meiner Haft – hatte ein Insasse aus Urfa bei dem Besuch des Justizministers diesem gesagt, dass es ohne den rohen Bulgur in den Gefängnissen nicht ginge und den Verkauf von Bulgur in der Kantine erbeten. Woraufhin der Minister eine Bulguramnestie erteilte. Wir hatten das in der Zeitung gelesen, den Bericht ausgeschnitten, dem ersten Direktor gezeigt und so erreicht, dass in unserer Kantine feiner Bulgur verkauft wurde.

Wenn man nie in einem Gefängnis vorbei gekommen ist, wird man das alles vielleicht nicht verstehen. Wie auch. So viel Aufhebens um feingemahlenen Bulgur! Wenn man jahrelang einsitzt und drei Mal am Tag das Knastessen vorgesetzt bekommt, dann sehnt man sich in der Tat nach Bulgur und anderen Gerichten; ihr Wert steigt einfach. Die Menschen draußen werden sicher auch nicht nachvollziehen können, dass man in Zeiten, in denen es keinen Bulgur zu kaufen gab, den schon gekochten Bulgur aus der Mahlzeit wusch, trocknete und mit der abgeschöpften Linsensubstanz aus der Suppe mischte, um Linsenköfte zuzubereiten. Für uns Inhaftierte aber sind so gewonnene Köstlichkeiten nicht nur wichtig für besondere Tage, sondern wir trotzen damit gewissermaßen auch unserer Gefangenschaft.

Es ist also nicht jeder Zelle vergönnt, Rohköfte auf Urfa Art zuzubereiten, auch die fleischlose Variante nicht. Wir sind an solchen Tagen aber besonders kreativ, und es findet sich immer eine Lösung.

Eine Woche vor dem Fest wurde der Kommunensprecherin die Zutatenliste gegeben. Nachdem das Gemüse und die anderen Zutaten aus der Kantine da waren, begannen wir A-3-Insassinnen mit den Vorbereitungen. Ümran und ich haben als die Kuchenverantwortlichen am Vorabend der Feier unseren Kuchen aus Keksen, Sahne, Walnüssen, getrockneten Feigen und Rosinen zubereitet und in die Kühltruhe gesteckt. Am nächsten Morgen waren dann unsere Rohköfte-Expertin Şadiye und ihre Helferinnen dran.

Wir hatten außerdem vorher mit der zuständigen Anstaltsangestellten vereinbart, dass sie ein Foto von der Feier macht. Als wir im Obergeschoss mit den Vorbereitungen beschäftigt waren, kam Sozda zu mir und wollte, dass auch ein Foto gemacht wird, während die Frauen die Rohköftemasse kneten. Wir gingen runter und baten die diensthabende Wächterin darum. Die Fotos wurden geschossen, und wir konnten diesen außergewöhnlichen Tag, wie er im Gefängnis selten vorkommt, im Detail festhalten. Nachdem alles bereit war, setzten sich alle um die Tafel auf den Boden, und es wurde mit den Ayrangläsern auf die beiden frischgebackenen Bücher und auf uns angestoßen; es sollen weitere folgen, hieß es. Nach dem Essen sangen und tanzten wir im Reigen. Im letzten Akt der Feier musste der Kuchen angeschnitten werden. Gülazer und ich haben unzählige Male posiert. Und weil jedes Mal entweder bei ihr oder bei mir etwas schief war, wurde aus dem Fotoshooting ein besonderes Vergnügen. Als wir dann mit erneuten „Auf viele neue Bücher“-Zurufen den Kuchen endlich angeschnitten hatten, war die Stimmung auf dem Höhepunkt.

Den Erfolg mit Freundinnen zu teilen und gemeinsam zu feiern, lenkt uns ein Stück ab vom alltäglichen Frauendasein im Gefängnis, wirkt sich positiv auf das Befinden und die Motivation aus und treibt einen an, auf neue Ziele zuzusteuern.

Die Feier liegt ja schon länger zurück, sie fand am 3. Oktober statt; dass ich jetzt erst darüber schreibe, hat mit den Anstaltsbedingungen zu tun, ist aber teilweise auch mir verschuldet. Ich wollte den Text nicht ohne Fotos veröffentlichen. Der Drucker in der Anstalt war defekt, also habe ich gewartet, bis er wieder funktionierte. Und dann ging es los mit den vielen Verhandlungsterminen, auf die das Urteil des 10. Schwurgerichts folgte, das einer Todesstrafe gleichkommt und eine juristische Exekution ist. Es war dringlicher, darüber zu schreiben.

Zum Glück aber veralten die Dinge, die wir in der Haft erleben, nicht so schnell wie die Erlebnisse draußen. Die Gefühle vergehen nicht, und auch das Erlebte trotzt der Zeit!
Füsun Erdoğan, Geschlossene Haftanstalt für Frauen, Gebze
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Füsun Erdoğan (geb. 1962 in Erzincan), Journalistin und Autorin, Gründerin des oppositionellen Radiosenders Özgür Radyo (Freies Radio), wurde am 8. September 2006 auf offener Straße festgenommen und mit verbundenen Augen zwischen den Sitzen des Polizeiwagens in die Haftanstalt gebracht. Zwei Jahre lang wusste sie nicht, was ihr vorgeworfen wurde, es fand kein Verhör statt. Fünf weitere Jahre dauerte der Prozess, in dem sie beschuldigt wurde, Mitglied einer illegalen Organisation zu sein. Am 4. November 2013 wurde sie des „Versuchs, die Verfassungsordnung mit Gewalt zu stürzen“ und der Mitgliedschaft in der Führung der Marxistisch-Kommunistischen Partei (MLKP), die die Regierung als eine terroristische Organisation betrachtet, schuldig befunden. Sie wurde gemeinsam mit 6 weiteren Journalisten zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe ohne Bewährung und zu zusätzlich 300 Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. In der Anklageschrift finden sich keine konkreten Hinweise auf Füsun Erdoğan und eine von ihr verübte Straftat. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat die Republik Türkei im Zusammenhang mit den Verfahren gegen Füsun Erdoğan wiederholt verurteilt: Wegen Folter und schlechter Behandlung, wegen der Schließung des Radio Senders Özgür Radyo und wegen ungerechtfertigter, lange andauernder Inhaftierung. Ihr Verleger und PEN-Ehrenmitglied Ragıp Zarakolu bezeichnet die Haft Füsun Erdoğans als „Blutrache“. Der Grund dafür sei, dass sie und ihre KollegInnen nicht gegen die Ungerechtigkeiten geschwiegen und „illegale Abhörungen, Verhaftungen, Folter und Unterdrückung [sowie] die Folterer in der Öffentlichkeit enthüllt“ hätten.
Füsun Erdoğans Kolumnen erscheinen wöchentlich in der e-Zeitung Bianet.

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