Es ist schwierig, sich in Kamerun für die Rechte von Homosexuellen einzusetzen und dafür Förderung zu bekommen

13.11.2013
Übersetzung aus dem Englischen: Translators for Justice
Quelle: http://www.opendemocracy.net/openglobalrights/alice-nkom/challenge-of-finding-funding-for-gay-rights-in-cameroon

Alice Nkom

Über die Autorin
Alice Nkom ist eine Anwältin aus Kamerun, die insbesondere für ihren Einnsatz gegen die Kriminalisierung von Homosexualität in Kamerun bekannt ist. Sie ist die einzige Anwältin, die Menschen aus Kamerun vertritt, die aufgrund gleichgeschlechtlicher Sexualpraktik inhaftiert oder verfolgt werden. Nkom studierte Jura in Toulouse und arbeitet seit 1969 als Anwältin in Duala. Mit 24 Jahren war sie die erste Farbige, die als Anwältin vor Gericht zugelassen wurde.

Als Alice Nkom anlässlich ihres Einsatzes für die Rechte Homosexueller in Kamerun von der EU einen großzügigen Zuschuss erhielt, warf man der EU vor, illegale Handlungen zu unterstützen. In diesem Artikel beschreibt Nkom die Wahrheit über die Schwierigkeit, finanzielle Förderung für den Kampf um Gleichberechtigung zu bekommen, den die Regierung – und der Großteil der Bevölkerung Kameruns – verurteilen.

Als vor zehn Jahren einige meiner homosexuellen Freunde aus Frankreich Kamerun besuchten, wurde ich nachzudenklich, als ich ihnen den Rat gab, vorsichtig zu sein. Denn Homosexualität ist in Kamerun, wie auch in den meisten Teilen Afrikas, illegal. Der Staat zögert nicht lange, jeden festzunehmen, der der Homosexualität beschuldigt wird, was zu einer fünf-jährigen Gefängnisstrafe führen kann.

Doch ich bin Rechtsanwältin. Ich habe in Frankreich studiert und arbeite seit 1969 als Anwältin für Wirtschaftsrecht. Zusätzlich setzte ich mich seither für Menschenrechte ein, indem ich beispielsweise Opfer von Polizeigewalt verteidige. Als ich mit den Besuchern sprach, stellte ich fest, dass es nicht ausreicht, homosexuelle Menschen lediglich vor den Gefahren zu warnen, die sie in Kamerun erwarten.

Im Jahr 2003 gründete ich die Organisation Association for the Defense of Homosexuality (ADEFHO), um für die Entkriminalisierung von Homosexualität in Kamerun zu kämpfen. Die Regierung betrachtet Homosexualität als ein Verbrechen und die Gesellschaft, die größtenteils aus Katholiken besteht, verabscheut sie aus religiösen Beweggründen. Homosexualität ist ein sensibles Thema – niemand möchte etwas finanzieren, dass er als Verbrechen ansieht. Somit hatte ich wenig Hoffnung, finanzielle Unterstützung von der ansässigen Gesellschaft für meine Arbeit zu erhalten. Stattdessen wurde ich als Staatsfeind betrachtet, was bedeutet, dass fast niemand hier in Kamerun mit mir in Verbindung gebracht werden, geschweige denn mich in meinem Einsatz für die Rechte homosexueller Menschen unterstützen wollte. Beinähe täglich erhalte ich Todesdrohungen. Auch meine freiwilligen Angestellten müssen meist frühzeitig ihre Arbeit bei mir beenden, da auch sie bedroht und letztlich von der Gesellschaft ausgeschlossen werden.

Meine NRO ist eine merkwürdige Organisation. Ich besitze kein Büro, keine Mitarbeiter und keine offizielle Informationskampagne, weil diese ohnehin sabotiert würde.
Die meisten Kosten fallen für meine Bodyguards, denen ich täglich 100 US-Dollar zahle, die Gerichtsbesuche, den Papierkram und die Reisen an, die ich machen muss, wenn ich Fälle verteidige, die an entfernteren Orten des Landes stattfinden.

Zur Zeit verteidige ich zehn Inhaftierte und 12 strafrechtlich verfolgte Personen. Außerdem habe ich zahlreichen Menschen dabei geholfen, das Gefängnis zu verlassen oder gar nicht erst inhaftiert zu werden. Die meisten von ihnen finden keine Arbeit, haben gesundheitliche Probleme, müssen vor Angriffen geschützt werden und besitzen kein Einkommen. Ich kann sie nicht einfach hinter mir lassen, sobald meine rechtliche Unterstützung abgeschlossen ist.

In Kamerun leben 20 Millionen Menschen, von denen 10-12% homosexuell sind. Und ich bin die einzige Person, die ihnen Rechtshilfe zur Seite stellt. Obwohl ich momentan Vollzeit arbeite, kann ich nicht alle Fälle annehmen.

Mittlerweile besitze ich auch kein Einkommen mehr, da mir keine Zeit bleibt, als Anwältin für Wirtschaftsrecht tätig zu sein. Ich lebe jetzt bei meiner Familie, die mich ernährt und meine Arbeit teilweise auch finanziell unterstützt.

Vielleicht stellen Sie sich die Frage, wie es mit Förderung aus dem Ausland aussieht. Tja, auch das ist all die Zeit nicht einfach gewesen, was zum Teil daran liegt, dass ich selbst und auch niemand anderes Zeit hat, sich um Möglichkeiten der Fördeurng zu bemühen. Durch die Stärkung meines Profils durch die Berichterstattung in den internationalen Medien ist meine Arbeit in den letzten Jahren besser bekannt geworden, und allmählich kommt Unterstützung aus dem Ausland.

Technisch gesehen hat es mir die Regierung sehr schwer gemacht und zugleich ermöglicht, internationale Hilfe anzufordern. 2003 konnte ich erreichen, dass der Staat meine Organisation anerkennt, indem durch das Gericht geltend gemacht habe, dass Kamerun die internationalen Menschenrechtskonventionen unterschrieben hat und dazu verpflichtet ist, das Privatleben der Bürger zu respektieren. Dies ist mein zentrales Argument, um die Kriminalisierung von Homosexualität in Kamerun am Ende zu unterbinden.

Die Regierung hat es jedoch nicht geschafft, die Dokumente bereit zu stellen, die beweisen, dass meine Organisation besteht und vom Staat anerkannt wird. Die meisten ausländischen Regierungen und Organisationen haben ihre eigene Bürokratie. Sie brauchen verständlicherweise die Verwaltungspapiere, bevor sie finanzielle Unterstützung zusagen können.

2010 konnte ich eine Förderung für zwei Jahre in Höhe von 300000 Euro bekommen. Als heraus kam, dass ich Geld von der EU erhielt, behauptete ein Vertreter des Kommunikationsmnisteriums von Kamerun im französischen Fernsehen, dass ich aufgrund von „Verstößen gegen Gesetz, Staat und Unabhängigkeit“ festgenommen werden könnte. Anti-gay-Gruppen in Kamerun forderten die Regierung auf, die finanzielle Förderung zu stoppen, doch das war nicht möglich. Denn ich hatte mich mithilfe einer anderen Organisation, der SID’ADO (Jugend gegen HIV und AIDS), die die nötigen Papiere besitzt, da sie sich auf die Gesundheit (meist von Homosexuellen) und nicht die Legalisierung von Homosexualität konzentriert, um die Förderung beworben. Die EU sah ein, dass dies die einzige Möglichkeit war, meine Arbeit zu fördern.

Außerdem erhileten wir noch 5000 US-Dollar von einer NRO, die uns über die Western Union erreichte.

Das ist bisher alles an finanzieller Unterstützung, die wir aus dem Ausland bekamen.

Auch wenn die Mittel gering sind, kann man sagen, dass wir eniges erreicht haben. Nachdem ich seit zehn Jahren als Anwältin tätig bin, weiß ich dass man den Menschen nur sehr langsam und nur einzelnen helfen kann, wenn man lediglich die gerichtlichen Kämpfe ausführt. Wenn man wirklich etwas verändern möchte, muss man alle Tricks, anwenden und in der Lage sein, zu kommunizieren.

Ich denke, dass mein öffentliches Image, mehr als meine juristische Arbeit, dazu dienen kann, die Menschen dazu zu bringen, über diese Themen zu sprechen. Denn die meisten Menschen in Kamerun wissen nicht einmal, dass Homosexualität existiert. NROs im Allgemeinen sind erst seit 1990 in Kamerun erlaubt. Daher muss was Menschenrechte angeht in Kamerun noch viel Aufklärungsarbeit geleistet werden. Mithilfe einiger Freunde, die in den Medien tätig sind, erscheine ich in Fernsehshows. Da es jedoch illegal ist, für Homosexualität zu werben, dürfen sie mich nicht öffentlich einladen, um über meine Arbeit zu sprechen. Sie nutzen den Vorwand, mit mir über andere juristisch-technische Themen zu sprechen. Ich rede dann einfach auch über die Rechte von Homosexuelleen, und keiner kann mich mehr daran hindern, wenn ich auf Sendung bin.

Nach und nach entstanden auch mehr Berichte in ausländischen Sendern, wie beispielsweise bei dem französischen Sender RFI und dem BBC. Die regionalen Sender müssen dann auch das zeigen, worüber ich im Ausland gesprochen habe. Ein Radiosender, der über Menschenrechte spricht, bringt die Dinge schneller ins Rollen als jeder einzelne meiner Kämpfe im Gerichtssaal.

Es wird Jahrzehnte dauern bis sich die öffentliche Meinung so stark verändert hat, dass ich von meinem eigenen Land finanzielle Unterstützung erhalte. Zur Zeit fühle ich mich, als würde ich mit bloßen Händen gegen eine riesige Staatsmaschine ankämpfen. Doch die aktuelle internationale Unterstützung ermöglicht es mir, weiter zu machen. Dank der kleinen Erfolge, die ich erzielte, habe ich das Gefühl, dass die internationalen Menschenrechtsnormen die Position der Nationalregierung überwinden werden. Viele Menschen, darunter auch Friedensrichter und Mitglieder der Regierung, teilten mir nun unter vier Augen mit, dass sie über die Thematik und Problematik der Homosexualität vorher so gut wie gar nichts wussten und jetzt besser über informiert sind. Auch war es hilfreich, dass sich der neue Papst für die Toleranz gegenüber Homosexuellen ausgesprochen hat.

Dieser Bericht wurde von Sophie Arie im Auftrag von Alice Nkom verfasst.

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