Türkei: Vom Staat getötete Kinder

12.03.2014
Übersetzung aus dem Türkischen: Translators for Justice
Quelle: http://bianet.org/bianet/cocuk/154114-devletin-oldurdugu-cocuklar

Berkin Elvan ist nicht das erste Kind, das infolge staatlicher Gewalt sein Leben verliert. Seit 1988 sind auf diese Weise Hunderte von Kindern umgekommen.

Mazlum Akay, Doğan Teyboğa, Umut Furkan Akçil, Ahmet İmre, Enver Turan, Canan Saldık, Birem Basan, Oğuzcan Akyürek, İzzetin Boz, Mehmet Nuri, Ceylan Önkol, Uğur Kaymaz … Das sind nur einige der Hunderte von Kindern, die seit 1988 von staatlicher Seite getötet wurden. Die meisten Schuldigen wurden nicht verurteilt und nicht bestraft.

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Der fünfzehnjährige Berkin Elvan, der am 11. März nach 269 Tage Koma gestorben ist, nachdem er während der Gezi-Proteste von einer Tränengaspatrone am Kopf getroffen worden war, ist also bei weitem nicht das erste Kind, das durch staatliche Gewalteinwirkung zu Tode gekommen ist.

Laut dem vom Menschenrechtsverein Diyarbakır herausgegebenen Bericht über die 2012 an Kindern begangenen Menschenrechtsverletzungen in der Südosttürkei sind zwischen 1988 und 2012 infolge der bewaffneten Auseinandersetzungen in der Region insgesamt 569 Kinder umgekommen.

Allein 2012 sind sieben Kinder durch die Explosion von Minen und aufgefundenen Sprengkörpern zu Tode gekommen, zwei durch Gewalt von Seiten der Sicherheitskräfte und fünf aufgrund staatlicher Fahrlässigkeit.

Tränengaspatronen

Eines dieser Kinder war Mazlum Akay.

Mazlum Akay wurde am 29. Juli 2012 durch eine von der Polizei abgefeuerte Tränengaspatrone schwer am Kopf verletzt. An jenem Tag fanden Proteste gegen die “Isolierungshaft von Abdullah Öcalan” statt. Mazlum Akay war aber ebenso wie Berkin Elvan lediglich zum Brotholen unterwegs.

Laut dem Bericht des Menschenrechtsvereins war die Patrone “ungezielt” abgefeuert worden. Mazlum Akay wurde von Nachbarn in ein Krankenhauses verbracht, wo er am 4. August 2012 im Alter von erst elf Jahren verstarb.

Ein Jahr zuvor, am 24. Juli 2011 war in Silopi auf ähnliche Weise der dreizehnjährige Doğan Teyboğa durch eine Tränengaspatrone schwer verletzt worden und danach im Krankenhaus gestorben.

Am 4. November 2012 wurde der elfjährige Faris Demircan im südosttürkischen Şemdinli bei einem Bombenattentat auf Polizeikräfte tödlich verletzt. In einem Fahrzeug, das in der Nähe einer früheren Kontrollstelle der Polizei im Viertel Beşevler abgestellt war, ging eine Autobombe hoch, als ein Fahrzeug der Bereitschaftspolizei vorbeifuhr.

355 Kinder starben in 21 Jahren

Laut Angaben einer Initiative, die sich dafür einsetzt, dass die Öffentlichkeit davon erfährt, wenn Kinder unter staatlicher Gewalt zu leiden haben, sind von 1989 bis 2010 insgesamt 355 Kinder von den Sicherheitskräften getötet worden, von November 2009 bis Oktober 2010 etwa 13.

Furkan, Ahmet, Canan…

Der siebenjährige Umut Furkan Akçil starb am 10. Oktober 2010 in Silopi, als bei Protesten die Polizei Tränengas einsetzte und der Junge beim Weglaufen von einem Auto überfahren wurde.

Am 6. Oktober 2010 fand der zwölfjährige Ahmet İmre in der Nähe eines Militärgeländes in Şırnak einen Metallgegenstand, der plötzlich explodierte. Ahmet İmre kam dabei ums Leben, ein gleichaltriger Junge wurde schwer verletzt.

Am 17. September 2010 wurde an einem der Festtage zum Ende des Ramadan in Hakkari der fünfzehnjährige Enver Turan während einer Protestaktion von einem Unteroffizier angeschossen und verstarb später im Krankenhaus.

Am 22. Juli 2010 wurde in der Gegend von Van der sechzehnjährige Canan Saldık auf dem Weg zu einem Picknick von einer Kugel tödlich getroffen. Die Kugel war aus einer Kaserne abgefeuert worden.

Der vierzehnjährige Birem Basan war am 24. Juni 2010 in Şırnak von einem Polizeifahrzeug überfahren und dabei tödlich verletzt worden.

Am 25. Mai 2010 kam es etwa einen Meter vor dem Schießstand einer Kaserne in Özalp bei Van zu einer Explosion, bei der der dreizehnjährige Oğuzcan Akyürek ums Leben kam und vier weitere Kinder verletzt wurden. Angeblich waren den Kindern aus der Kaserne von einem Soldaten Sprengkörper zugeworfen worden.

Am 23. April 2010 wurde der vierzehnjährige İzzetin Boz durch einen Sprengkörper getötet, den er beim Viehhüten in der Provinz Mardin gefunden hatte. Der Sprengkörper gehörte dem Militär.

Am 2. April 2010 wurde der vierzehnjährige Mehmet Nuri in der Provinz Van zehn Kilometer von der iranischen Grenze entfernt von einem türkischen Soldaten erschossen.

Minenopfer

Laut einem Bericht einer Organisation, die sich für eine minenfreie Türkei einsetzt, sind allein im Jahr 2009 in der Türkei 23 Kinder durch Minen bzw. nach Kämpfen zurückgelassene Sprengkörper ums Leben gekommen.

Symbolfiguren

Zu Symbolfiguren für staatliche Gewalt gegen Kinder wurden die vierzehnjährige Ceylan Önkol, die am 28. September 2009 in der Nähe von Lice in der Provinz Diyarbakır durch einen von einem militärischen Sperrgebiet abgefeuerten Sprengkörper getötet worden war, und Uğur Kaymaz, der im November 2004 in der Provinz Mardin zusammen mit seinem Vater Ahmet Kaymaz von der Polizei erschossen worden war.

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