Berkin Elvan, 15 Jahre, Opfer der Poizeigewalt in der Türkei, starb heute nach 269 Tagen im Koma. Ein Nachruf von Buse Kaynarkaya: Ruhe im Blumenmeer, Berkin

11.3.2014
Übersetzt von: Translators for Justice
Quelle: http://bianet.org/bianet/yasam/154087-cicekler-icinde-uyu-berkin
Von Buse Kaynarkaya

Sie werden nicht sagen können „Er warf mit Steinen“, auch nicht „Er legte sich mit der Polizei an, beteiligte sich an unerlaubten Protesten“. Sie werden nicht einmal sagen können „Er war Alewite, Kurde, Armenier.“ Denn Berkin trug ein Laib Brot in der Hand.

Jeder Tod ist schmerzhaft; aber nicht jeder Tod ist politisch. Es ist auch nicht jeder Tod so widerstandsfähig. Wir haben Berkin, der 269 Tage lang beharrlich am Leben festhielt, heute verloren.

Sein Lachen bleibt verschlossen auf seinen Lippen, verborgen bleiben die zu weinenden Tränen, die zu lebende Liebe, die Hoffnungen, die Gefühle der Verzweiflung, des Erfolgs und des Scheiterns – alles, was Leben bedeutet. Seinem Vater begegnete ich zum ersten Mal in einer Fernsehsendung als er weinte, nachdem Berkin von der Gaspatrone eines Polizisten am Kopf getroffen worden war. Er hielt die Kleidung, die sein Sohn bei seinem Schulabschluss tragen sollte, in der Hand und fragte, „Wer soll das jetzt tragen“? Mich überkam ein beklemmendes Gefühl, und ich hielt an dem Glauben fest, dass die Kleidung zuhause auf Berkin warten, dass sie voll der hoffnungsvollen Erwartung auf den Körper dieses so jungen Menschen sein würde. Dieses schwere Gefühl erfüllt mich nun umso mehr, als ich mit zwei Stunden Verspätung von Berkins Tod erfuhr.

Seit dem Tag, als Berkin getroffen wurde, haben viele Menschen daran geglaubt, dass er die Jahreszeiten, die er verpasst hat, nachholen wird, dass er im Regen nass wird und sich darüber beklagt; dass er Schneeball spielt, wenn es schneit, dass er im Frühling Drachen steigen lässt und vor allem, dass er mit seiner tiefsten und stärksten Stimme in die Gesichter seiner Mörder brüllen wird. Ein so junger, ein so unschuldiger, schöner Mensch durfte der Hässlichkeit nicht erliegen. Dieser Widerstand würde das Grau, das Schwarz dieser Welt bunt einfärben. Ein Kind könnte zum Vogel werden und fliegen, um hinter den Wolken die Sonne zu holen und auf seinen Flügeln zu uns zu tragen. Wir glaubten daran, denn Berkin kämpfte in seinem Bett im Krankenhaus gegen den Tod und war in der Zwischenzeit ein Jahr älter, 15 Jahre alt geworden.

Was meint Ihr, was bedeutet es, Geburtstag zu haben, ohne ihn und das neue Lebensjahr zu erleben? Können die Yachten, Villen, teuren Autos und Edelsteine Eurer Geburtstage an den 16 Kilogramm gemessen werden, auf die Berkin vor seinem Tod abgemagert war?

Ein Kind: ein paar Knochen, etwas Fleisch und Blut; ein Mensch. Keine Eurer Reden, in denen Ihr versucht, das Töten zu rechtfertigen, werdet Ihr auf Berkin beziehen können. Ihr werdet nicht sagen können „Er warf mit Steinen“, auch nicht „Er legte sich mit der Polizei an, beteiligte sich an unerlaubten Protesten“. Ihr werdet nicht einmal sagen können „Er war Alewite, Kurde, Armenier.“ Denn Berkin hatte ein Laib Brot in der Hand. Und es war keins von den Schnickschnackbroten, die Ihr esst, sondern eins vom Tante-Emma-Laden an der Ecke.

Der Dichter Cemal Süreya sagt „Jeder Tod ist ein früher“. Auch ein 80-Jähriger hat Angst vor dem Sterben und glaubt daran, dass es noch viel zu erleben gibt. Berkin wurde zu unserer Hoffnung in einer Welt von Bauten, die die Spuren Eures schmutzigen Geldes und Eurer blutigen Hände tragen und zwischen denen Ihr kein Loch finden werdet, durch das Ihr fliehen könnt, kein Grün, das Euch Luft zum Atmen gibt.

Es war, als würde alles gut werden, wenn Berkin die Augen öffnet. Mit ihm würden unsere gebrochenen Herzen geheilt, seine Kraft würde sich auf uns alle verteilen, und Glück würde uns alle erfüllen. Berkin war für uns alle zum Bruder, Sohn, zu einem geliebten Menschen geworden, er war mit uns allen verwandt. Vielleicht können seine Klassenkameraden den Gezi-Widerstand vom Juni letzten Jahres nicht verstehen; aber sie wissen alle, dass Berkin von einem Polizisten, also vom Staat getötet wurde. Ich bin sicher, dass sie die schönsten Momente ihrer Zukunft mit Berkin teilen und ihn nie vergessen werden.

Euer Gewissen ist es doch im Grunde gewohnt, Kindermörder zu sein. Ihr wisst, wie man tötet! Ihr habt Berkin Elvan zu den anderen gelegt, zu Ceylan, Uğur, Bilal, Berivan und den über 350 Kindern, die in den letzten 20 Jahren getötet wurden. Mögt Ihr unter der Last der Tage, die Ihr diesen Kindern gestohlen habt, zugrunde gehen!

Unsere Aufgabe ist es, die dafür Verantwortlichen mit dem Efeu unserer Trauer, das Tag für Tag in uns wächst, zu ersticken. Nie werden wir Berkin Elvan vergessen. Schlaf im Blumenmeer…

„Neige deinen Kopf nicht wie ein ängstlicher Spatz
Halte ihn hoch und steh aufrecht
Das ist nicht deine, es ist die Schande meines Landes
Ich küsse dich auf deine Verletzungen, Kind“ (1)

(BK/HK)

(1) Ein Vers von Nazım Hikmet Ran (Anm. der TfJ-Redaktion)

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