„L’ultima frontiera“ – Die letzte Grenze – Ein Film über die „Blankohaft“ der Migranten. Text zur Voraufführung des Films

02.12.2014
Übersetzt aus dem Italienischen von: Translators for Justice
Quelle: http://www.redattoresociale.it/Notiziario/Articolo/450330/L-ultima-frontiera-il-film-che-mostra-l-ergastolo-bianco-dei-migranti

Der Film von Raffaella Cosentino und Alessio Genovese über den Alltag in den CIE [‚Centro di Identificazione ed Espulsione‘ (Zentrum zur Identifikation und Ausweisung)] zeugt von einem Klima, das von Langeweile, Wut und Gewalt geprägt ist und neben den ohne jedwedes Verfahren inhaftierten „Gästen“ auch die Polizeikräfte in Mitleidenschaft zieht: „Wie zu Hitlers Zeiten“. „Hier stirbt die Hoffnung zuerst“

CAPODARCO – „Hier geht es uns wie zu Hitlers Zeiten.“ „Dies ist kein Auffang-, sondern ein Leidenslager.“ Dies sind die Worte der Immigranten, die in den italienischen CIE – Zentren zur Identifikation und Ausweisung – „festgehalten“ werden. Sie erlauben uns einen kleinen Einblick in das alltägliche Leben der sogenannten „illegalen Einwanderer“, der Hauptdarsteller des Films „EU 013 L’Ultima Frontiera“. Es handelt sich hierbei um einen außergewöhnlichen Dokumentarfilm, denn hier wird zum ersten Mal gezeigt, wie der Alltag in den Zellen und Gemeinschaftsräumen dieser von unendlich hohen Gittern umgegebenen „Gefängnissen, die keine Gefängnisse sind“ aussieht, in denen jedes Jahr circa 8.000 Menschen für bis zu 18 Monaten gefangen gehalten werden, ohne dass ihnen jemals ein Verfahren gewährt wird oder sie irgendeine Straftat begangen hätten. In einem surrealen, befremdlichen und oft von Gewalt geprägten Klima.

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Der Dokumentarfilm (62 Minuten) wurde für die Journalisten beim 20. Seminar der Agentur Redattore Sociale zum Thema ,Materie und Vorfälle‘ der Gemeinschaft „Comunità di Capodarco“ in Fermo erstmalig voraufgeführt. Die Autoren sind Raffaella Cosentino, Mitarbeiterin von Redattore Sociale, und Alessio Genovese, Videomacher, als Regisseur. Der Film wurde im Februar/März dieses Jahres in den CIE von Ponte Galeria (Rom), Bari, Milo (Trapani), am Hafen von Ancona gedreht. Es fanden auch zum ersten Mal Dreharbeiten in den Wartebereichen des internationalen Flughafens Fiumicino (Rom) statt, wo die Ausländer auf ihre Ausweisung warten. Die Dreharbeiten endeten im Oktober. „Eu 013. L’ultima frontiera“ wird heute zum ersten Mal in Florenz im Rahmen des Völkerfestes „Festival dei Popoli“ ausgestrahlt, für das der Film ausgewählt wurde. Die Originalmusik ist von Alessandro Librio.

Was bedeutet es für das Leben der Immigranten, wegen „illegaler Einwanderung“ verhaftet zu werden? Dies zeigt das Video anhand der von Langeweile, einem der entwürdigendsten Gefühle überhaupt, gequälten Migranten: In den CIE gibt es nichts zu tun außer „zu schlafen, um sich nicht schlecht zu fühlen“, zwischen den Gittern herumzuschlendern, Zigaretten zu rauchen, die einem durch die Gitter gereicht werden, in den Zellen zu verharren. Und dann ist da dieses Verlustgefühl: der Verlust der Menschenwürde, der komplette Verlust der Freiheit, der Verlust des Zeitgefühls, die völlig nutzlos vor sich hinschleicht, der Verlust der eigenen Existenz ohne jede Perspektive.

Und nicht zuletzt die Gewalt. Wie an allen Orten, an denen die Menschen eng aufeinander sitzen, macht sich in den Zellen Aggressivität breit. Das Video zeigt in Live-Aufnahmen Aufstände, gelegte Brände, Fluchtversuche. „Hier stirbt die Hoffnung zuerst“, meint einer der sogenannten ,Besucher‘. Es ist wie eine „Blankofreiheitsstrafe (1), lebenslang“. Aber zu den Hauptdarstellern des Videos zählen nicht nur die Migranten selbst: Ebenso eindrucksvoll wird die Rolle der Polizeibeamten gezeigt, die ihrerseits einem Klima der ständigen Anspannung ausgeliefert sind, das durch die Live-Aufnahmen und den live mitgeschnittenen Ton geradezu greifbar scheint.

Die Filmkameras von Raffaella Cosentino und Alessio Genovese hatten mit der Genehmigung des Innenministeriums Zugang zu Orten, die noch niemand hatte betreten dürfen, und sie haben es geschafft, zu zeigen, wie hochgradig absurd eine solche Haft tatsächlich ist. Die CIE kosten den Staat mindestens 55 Millionen Euro im Jahr, aber nur die Hälfte der Häftlinge wird tatsächlich in ihre Heimat zurückgeschickt. Nach dem Ablauf der achtzehn Monate werden sie mit einem Ausweisungspapier entlassen, mit dem sie das italienische Staatsgebiet innerhalb von wenigen Tagen verlassen müssen. Viele von ihnen werden von ihren Konsulaten nicht mehr anerkannt, und wenn sie das Land verlassen, um in ein anderes europäisches Land zu gehen, werden sie aufgehalten und zurück nach Italien geschickt, wo sie erneut für weitere achtzehn Monate in ein CIE kommen.

„Zum ersten Mal hat es das Ministerium einer gesamten Filmcrew erlaubt, an einigen aufeinanderfolgenden Tagen verschiedene CIEs zu betreten“, erklärt Alessio Genovese. „Für uns war dies eine großartige Gelegenheit, um Raum und Zeit in diesen Zentren zu dokumentieren. Wir haben uns dazu entschieden, eine Geschichte der Gemeinschaft zu erzählen, zu der auch viele Menschen gehören, die bereits seit Jahren in Italien sind. Die CIEs sind für viele Flüchtlinge, die im europäischen Schengenraum ankommen, immer noch das letzte Kapitel ihrer Reise. Die letzte Grenze, die es zu überwinden gilt, ist vor allem die in unseren Köpfen.“ „Die CIEs sind schreckliche Orte, an denen die Menschenrechte verletzt werden. Diese Einrichtungen sind voll und ganz mit einer Irrenanstalt vergleichbar. Eine Schande, die Italien nicht braucht“, lautet Raffaella Cosentinos Kommentar. „Nach einer Reihe von Interviews und Untersuchungen wollten wir, dass alle eine Vorstellung davon bekommen, wie sich die Entfremdung anfühlt, die man dort drinnen Tag für Tag erlebt.“

„Früher kämpfte der Westen gegen den Osten, der Kapitalismus gegen den Kommunismus. Jetzt schotten sich die Reichen ab und verteidigen sich gegen die Armen. Und wir sitzen hier drinnen fest, ohne irgendetwas getan zu haben“, lautet der bittere Kommentar eines Häftlings.

Der Film endet mit der Einblendung der Worte: „Den Häftlingen der CIE gewidmet.“ Eine mutige Geste, um den Migranten ihre Würde zurückzuerstatten, deren einzige Schuld diejenige ist, dass sie sich ein eigenes Leben in einem anderen als ihrem Heimatland aufbauen möchten. (ab)

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Anm. der TfJ-Redaktion:

(1) Mit “weißem Gefängnis” bzw. “weißer lebenslänglicher Freiheitsstrafe” (auf Italienisch: “ergastolo bianco”) bezieht man sich auf die Situation derjenigen, die in ein Arbeitshaus für Gewohnheits-, gewerbsmäßige oder Hangverbrecher eingewiesen werden, nachdem sie als gemeingefährlich eingestuft worden sind. Da diese Sicherungsverwahrung unbeschränkt verlängert werden kann, wird der Zustand durch die Internierten als “weiße lebenslängliche Freiheitsstrafe” bezeichnet, vergleichbar dem Blankoscheck.

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