Großbritannien: Asylantrag einer Jugendlichen, der eine Genitalverstümmelung droht, wurde abgelehnt

30.12.2013
Übersetzt aus dem Englischen von Translators for Justice
Quelle: http://newint.org/features/web-exclusive/2013/09/30/fgm-asylum-denied/

Mischa Wilmers stellt sich die Frage, warum Großbritannien damit droht, ein nigerianisches Mädchen in ihr Heimatland zurück zu schicken, wo sie eine weibliche Genitalverstümmelung erwartet.

Im Alter von 14 Jahren kam Olayinka nach Großbritannien, um dort bei ihrer Mutter und ihren zwei Brüdern zu leben. Im Jahre 2009 flüchtete sie aus Nigeria, wo sie entführt und einer weiblichen Genitalverstümmelung (engl. „female genital mutilation“, FGM) unterzogen werden sollte.

Laut UNICEF sind mehr als 30 Millionen Mädchen gefährdet, einer FGM innerhalb der nächsten zehn Jahre zum Opfer zu fallen. Ca. 125 Millionen Frauen sollen bereits eine solche Prozedur durchlebt haben. Olayinka war einer der Glücklichen, die entkommen konnte, dachte sie zumindest. Drei Jahre später befand sich die Familie in einem Rechtsstreit, da ihr Asylantrag von der britischen Grenzschutzagentur abgelehnt wurde und sie abgeschoben werden sollte. Laut UNICEF sind mehr als 30 Millionen Mädchen gefährdet, einer FGM innerhalb der nächsten zehn Jahre zum Opfer zu fallen. Ca. 125 Millionen Frauen sollen bereits eine solche Prozedur durchlebt haben. Olayinka war einer der Glücklichen, die entkommen konnte, dachte sie zumindest. Drei Jahre später befand sich die Familie in einem Rechtsstreit, da ihr Asylantrag von der britischen Grenzschutzagentur abgelehnt wurde und sie abgeschoben werden sollte.

Abiola, Olayinkas Mutter, ist sich sicher, dass ihrer Tochter bei einer Abschiebung die Verstümmelung der Geschlechtsorgane droht. Und ihre Sorgen sind berechtigt. 20 Jahren zuvor musste sie dabei zusehen, wie ihre älteste Tochter nach einem verpfuschten Eingriff in einem abgelegenen nigerianischen Dorf zu Tode blutete.

„Sie verstümmelten ihre Genitalien und sie fing sofort an zu bluten“, erzählt sie mir. „Ich wusste, dass etwas nicht stimmen kann, da ich so etwas schon einmal erlebt hatte… deshalb war ich nervös und weinte. Drei Tage später starb sie. Ich fühlte mich hilflos; es gab nichts, das ich tun konnte“.

Weder Abiola noch ihre Ehemann meldeten den Behörden den Tod der Achtjährigen. Obwohl FGM in Nigeria illegal ist, wird es dennoch häufig praktiziert und Todesfälle sind nicht unüblich (in manchen Regionen übersteigt die Anzahl der Frauen, die eine solche Prozedur durchlebt haben, 50%). „Viele meiner Cousinen und Verwandten sind an FGM gestorben“, sagte Abiola. „Jeder macht es durch, sodass es blöd aussehen würde, wenn ich es melde“.

Als Olayinka vier Jahre später auf die Welt kam, war Abiola selbstverständlich fest entschlossen, ihr Kind zu beschützen. Ihr Ehemann beharrte jedoch weiterhin darauf, dass sich Olayinka einer FGM unterziehen sollte. Daraufhin ließ sich Abiola von ihrem Mann scheiden und lebte von nun als alleinerziehende Mutter von drei Kindern. Die konservative Verwandtschaft von Abiolas Ehemann wollte jedoch nicht nachgeben: Olayinkas Onkel, das Oberhaupt der Familie, startete einen brutalen Entführungsversuch als Olayinka 13 Jahre alt war.

„An einem Tag im Juni war ich nicht zuhause als das Familienoberhaupt mit drei weiteren Verwandten (zwei Männern und einer Frau) in unser Haus kamen. Sie wurden gewalttätig, sodass mein ältester Sohn zur nächst gelegenen Telefonzelle lief, um mich anzurufen und mir mitzuteilen, dass sie Olayinka geschlagen hätten“, erinnert sich Abiola.

Mehr als nur Familiensache

Olayinkas Verletzungen waren so schwerwiegend, dass sie drei Wochen lang im Krankenhaus bleiben musste. Als Abiola sich auf der Suche nach Schutz jedoch an die Polizei wandte, wurde ihre Qual lediglich als „Familiensache“ abgetan. Kurz darauf reiste die Familie 150 km östlich, von Lagos nach Ondo, wo sie bei Abiolas Mutter unterkamen. Es dauerte wiederum nicht lange bis das Familienoberhaupt sie aufspürte.

„Wir blieben dort für circa drei Wochen und ich schickte Olayinka und ihren Bruder zu einem Laden an der Ecke. Nach 40 Minuten kamen sie weinend zurück gerannt. Sie erzählten mir, sie hätten das Familienoberhaupt gesehen und er hätte sie gebeten, zu ihm ins Auto zu steigen. Es ist mir unerklärlich, wie sie uns ausfindig machen konnten“.

In ihrer Verzweiflung flüchteten sie nach Großbritannien, wo sie ab November 2009 mit einem 6-monatigen Visum bleiben durften. Sie ließen sich in Rochdale nieder und beantragten Asyl, da sie befürchteten, dass Olayinka eine FGM drohe, wenn sie zurück nach Nigeria müssten. Zu ihrer Bestürzung wurde der Antrag jedoch abgelehnt.

Die Bedrohung, die FGM darstellt, ist in Großbritannien jedoch ein Grund für die Genehmigung eines Asylantrags. Laut eines BBC-Berichts sind die Anträge hunderter gefährdeter Frauen dennoch von der britischen Grenzschutzagentur abgelehnt wurden.

In einem Dokument, in dem die Gründe für Olayinkas abgelehnten Asylantrag im Detail aufgelistet sind, heißt es: „Du hast Angst, dass du von der Verwandtschaft deines Vaters zwangsweise gewaltsam beschnitten wirst, sobald du nach Nigeria zurück kehrst… Der genannte Grund für deinen Antrag auf Asyl gemäß des Genfer Abkommens über die Rechtsstellung der Flüchtlinge aus dem Jahre 1951 stellt für das Vereinigte Königreich kein triftiges Argument dar“. Obwohl ihre Geschichte unumstritten ist, besteht die britische Grenzschutzagentur darauf, dass die nigerianische Polizei für den Schutz Olayinkas sorgt und hat ihr geraten, so weit wie möglich innerhalb Nigerias von der Familie ihres Ehemanns wegzuziehen. Ein Gerichtsbeschluss unterstützte die Entscheidung der britischen Grenzschutzagentur, sodass die Familie jederzeit abgeschoben werden kann.

Fälle wie der von Olayinka scheinen mit der offiziellen Haltung der Regierung gegenüber FGM nicht übereinzustimmen. Das Innenministerium unterstützte eine Kampagne des Kinderschutzvereins NSPCC (National Society for the Prevention of Cruelty to Children) zum Schutz der Kinder vor einer Verstümmelung und riefen weiterhin eine eigene Initiative ins Leben: den Violence Against Women and Girls Action Plan. In diesem Dokument wird mit großer Regierungsbeteiligung geprahlt, indem „der internationale Kampf gegen die Gewalttätigkeit gegenüber Frauen und Mädchen verstärkt wird“. In einer Nachricht auf der Webseite des Auswärtigen Amtes heißt es: „Sobald Sie die Vermutung haben, dass ein Mädchen oder eine junge Frau der Gefahr einer FGM ausgesetzt sind und ins Ausland gebracht wurden, kontaktieren Sie bitte das Außenministerium“.

Dr. Rhetta Moran der Menschenrechtsorganisationen RAPAR (Refugees and Ayslum Seeker Participatory Action Research) bestätigt, dass Olayinkas Fall die Unaufrichtigkeit der Regierung darlegt. „Grundsätzlich steht diese Rhetorik der Regierung im kompletten Widerspruch zu ihrer Verpflichtung, für die Sicherheit der Kinder zu sorgen. Des Weiteren ist sie unvereinbar mit der sich entwickelnden öffentlichen, wenn auch eingeschränkten, Regierungskampagne über FGM und stellt Flüchtlinge noch immer als große Bedrohung für das Land dar“.

Seelischer Schmerz

Der auf Olayinka liegende seelische Schmerz hat dazu geführt, dass sie im Jahre 2013 versucht hat, Selbstmord zu begehen. Laut ihres behandelnden Psychologen litt sie unter „schwerwiegenden chronischen und komplexen psychischen Problemen“. Weiterhin weist er darauf hin, dass „es sehr wahrscheinlich ist, dass dieser seelische Schmerz so lange anhält bis die körperliche Bedrohung ihrer Sicherheit angegangen wird“.

Die heute 16- Jährige ist derzeit im sechsten Semester eines britischen Colleges und träumt davon, eines Tages Medizin an einer Universität zu lehren. Mittlerweile legt der Rechtsbeistand der Familie weitere Beweise vor – unter anderem einen Bericht eines nigerianischen Menschenrechtsexperten – in der Hoffnung, dass die britische Grenzschutzagentur die Entscheidung revidieren wird.

„Wären einige der Entscheidungsträger Frauen und hätten Kinder, wüssten sie, dass das schlimmste, das einer Frau passieren kann, ist, ihr Kind zu verlieren“, plädiert Abiola. „Allein aus diesem Grund und da Olayinka kein Verbrechen begangen hat, weil es kein Verbrechen ist, ein Mädchen zu sein, fechte ich das Urteil an. Dafür sollte sie nicht gequält und verurteilt werden“.

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