Wasims Geschichte und das grausame Schicksal der Flüchtlinge in Griechenland

23. 9. 2013
Übersetzung aus dem Englischen: Translators for Justice
Quelle: http://roarmag.org/2013/09/migrants-greece-criminalized-dehumanized/

Noch immer sterben viele Männer, Frauen und Kinder an den Grenzen Europas bei dem Versuch aus ihrem Heimatland zu entkommen. Wenn sie es doch überleben, werden sie wie Kriminelle behandelt.

von Sofiane Ait Chalalet und Chris Jones

Wasim ist ein Flüchtling aus Syrien. Ende Juli wurde er zusammen mit seiner Frau, seinem jungen Sohn und seiner Tochter im Kleinkindalter von einem Boot an einer abgelegenen, dicht bewaldeten und steinigen Küste der griechischen Insel Samos abgesetzt. Ohne ausreichende Wasser- oder Lebensmittelvorräte schwamm er los, um Hilfe zu finden. Nachdem er zunächst von passierenden Schiffen ignoriert wurde, fand er schließlich Hilfe und ging anschließend zur Polizei. Er wurde umgehend festgenommen und für weitere sechs Wochen inhaftiert. Während dieser Zeit, und trotz seiner Bitte, jemand möge nach seiner Frau und seinen Kindern suchen, die er von Anfang an äußerte, hörte er nichts von ihnen oder über sie. Sechs Wochen später sollte er sie tot auffinden.

Anfang September trafen wir Wasim Abo Nahi das erste Mal. Er war gerade auf die Insel Samos in der östlichen Ägäis aus Athen zurückgekehrt, wo er aufgrund der Einordnung als nicht erfasster Flüchtling festgehalten wurde. Er wurde von seinem Neffen Abdalah und Mohammed, einem Freund aus Athen, begleitet. Sie alle sind palästinische Flüchtlinge.

Wasim war nach Samos zurückgekehrt, um nach seiner Frau Lamees, seiner 9 Monate alten Tochter Layan und seinem 4 Jahre altem Sohn Uday zu suchen, die er sechs Wochen zuvor auf der Insel zurückgelassen hatte, als man ihn festnahm. Da er während dieser Wochen von Familie und Freunden nichts über Lamees gehört hatte, war er von Angst besessen. Er befürchtete, dass sie tot sind, aber da man keine Spur von ihnen gefunden hatte, hoffte er, dass sie noch am Leben und irgendwo auf der Insel in Sicherheit sein könnten.

Wasims schlimmste Befürchtung war, dass seine Familie bei dem großen Waldbrand ums Leben gekommen sein könnte, der die abgelegene Talseite verschlungen hatte, kurz nachdem er seine Familie verließ, um sich auf die Suche nach Hilfe zu begeben. Am Sonntag dem 11. September kehrten wir in das durch den Brand verwüstete Gebiet zurück. Selbst im versengten und verbrannten Zustand war das Gelände noch schwer begehbar. Da es keine Wege oder Straßen gab, mussten wir uns durch verkohltes Gebüsch kämpfen um voranzukommen. Wasim zeigte uns den Weg und so fanden wir schließlich den Ort, an dem sie erstmals angekommen waren. Wir fanden Babykleidung und einige Windeln. Das wichtigste allerdings war, dass sich der Ort gerade noch außerhalb des Brandgebiets befand, sodass zunächst noch Hoffnung bestand. Die Tatsache, dass die Familie nicht gesehen wurde und dass kein Kontakt zu ihnen aufgenommen werden konnte warf jedoch einen Schatten der Verzweiflung auf die Angelegenheit.

Wasim suchte weiter verzweifelt nach ihnen. Jeden Tag durchstreiften er und seine Freunde die Bergseite. Manchmal auch in Begleitung einiger Polizisten und Freiwilligen einer in Athen ansässigen Menschenrechtsorganisation. Freitagnachmittags fanden Mohammed, Abdalah und Sofiane einige stark verkohlte Überreste sowie goldene Armbänder, die seine Frau und seine Kinder getragen hatten. Obwohl wir noch auf die Ergebnisse der DNA-Überprüfung warten, haben wir keinen Zweifel daran, dass es sich dabei um die Überreste von Wasims Familie handelt.

Leider stellt Wasims Tragödie keinen Einzelfall dar. Es gibt mehr als genug Beweise dafür, dass weiterhin viele Männer, Frauen und Kinder bei dem Versuch ihrem Heimatland zu entkommen als Flüchtlinge an den Grenzen Europas ums Leben kommen. Wenn sie überleben, die Landesgrenze durchbrechen und ankommen, wie es auf Inseln wie Samos in der Nähe der Türkei jede Woche geschieht, werden sie wie Kriminelle behandelt und müssen alle Art von menschenunwürdiger Behandlung über sich ergehen lassen. In gewisser Hinsicht war vielleicht der Brand die Todesursache von Wasims Familie, in Wahrheit aber starb seine Familie aufgrund einer viel größeren Reihe von Grundsätzen und Politiken. Möchte man Tragödien wie diese vermeiden, was möglich ist und auch selbstverständlich sein sollte, muss man diese umfangreichen Verfahren und Vorgänge ändern.

Durch ihre Flucht aus dem im Konflikt versinkenden Syrien und dem palästinensischen Flüchtlingslager in Latakia waren ihre Möglichkeiten stark eingeschränkt. Wasims Reisepass, der ihn als einen in Syrien lebenden palästinensischen Flüchtling identifizierte, war als Reisedokument unbrauchbar. Keiner der angrenzenden arabischen Staaten würde diesen Pass akzeptieren und somit würde ihm die Einreise verweigert. Dasselbe gilt auch für den größten Teil der restlichen Welt. Aufgrund dieser Tatsache wurde eine Reise nach Damaskus oder die Ausreise per Flugzeug, die er sich durchaus hätte leisten können, unmöglich. Also nahm er denselben Weg wie Tausende andere nicht erfasste Flüchtlinge und reiste durch die Türkei. Anschließend zahlte er 7 000 Euro, um über eine Meeresenge der Ägäis auf die Insel Samos zu gelangen. Das Vermächtnis der Nakba im Jahr 1948, bei der viele Palästinenser, wie zum Beispiel Wasims Eltern und Großeltern aus Städten wie Haifa flohen, ist tief verwurzelt und verdammt weiterhin tausende Menschen zu einem elenden Leben im Flüchtlingslager, wo ihre Rechte aufs äußerste kompromittiert und eingeschränkt werden. Das muss sich ändern.

Welche Nationalität sie auch immer haben mögen – in was für einer Art Welt leben wir, in der Flüchtlinge, die aus Angst um ihr Leben und ihren Verstand aus ihrem Heimatland fliehen und im „Untergrund“ verschwinden müssen, um in Sicherheit leben zu können? Warum werden sie immer wieder zum Opfer solcher Verwundbarkeit und Ausbeutung, was viele von ihnen dazu verleitet sich auf gefährliche Schiffe zu begeben oder auf überteuerte Weise nach Europa zu gelangen? In Wasims Fall führte dies dazu, dass er und seine Familie an einer zerklüfteten und abgelegenen Stelle der Insel Samos an Land gelassen wurden, wodurch er und seine junge Familie in der Falle saßen. Sie konnten nicht entkommen. Das muss sich ändern.

Der größte Teil der Erfahrungen Wasims in Samos und Athen wurde von der Verteuflung nicht erfasster Flüchtlinge und Migranten in Griechenland und trauriger Weise auch in weiten Teilen Europas, geprägt. Die Feindseligkeiten begannen umgehend, nachdem Wasim und seine Familie das kleine Boot bestiegen hatten, dass sie aus der Türkei nach Samos bringen sollte. Nämlich zu dem Zeitpunkt als sie den Patrouillen der Grenzpolizei (Frontex) und der griechischen Küstenwache ausweichen mussten. Die Insel Samos ist keineswegs eine weitere griechische Urlaubsinsel. Sie befindet sich an der äußersten Grenze zwischen Europa und Asien. An den Stränden wimmelt es nicht von badenden Touristen, sondern von den unheilvolleren paramilitärischen Patrouillenbooten, die sich täglich in der Nähe der Küste bewegen. Sie sind der Feind. Diese Vorstellung muss sich ändern. Sie ist abstoßend.

Die Konsequenzen sind, wie Wasim feststellen musste, tödlich. Für ihn bedeutete es, dass er nach seiner Flucht aus dem Wald auf der Suche nach Hilfe für seine Familie unverzüglich in Handschellen in einer Polizeizelle inhaftiert wurde. Es führte dazu, dass seine Bitten, man möge nach seiner Frau und seinen Kindern suchen, viele Tage lang von den Behörden ignoriert wurden, bis die Polizei schließlich einen kleinen Versuch startete, sie zu finden. Grausamerweise führte es auch dazu, dass er nach einem Telefonat mit dem Rettungsdienst sitzengelassen wurde. Er hatte versucht mit seinem Handy Kontakt zu ihnen aufzunehmen, als ihm klar wurde, dass seine Familie in einer verzweifelten Lage festsaß und ihre Wasservorräte knapp wurden. Während ihrer ersten Nacht auf der Insel hatte sie ein Patrouillenboot am Strand ausgemacht, doch es kehrte nicht wieder zurück. Hätte es sich um eine junge Touristenfamilie aus Europa gehandelt, wäre die Reaktion zweifellos völlig anders gewesen. Das sollte nicht toleriert werden.

Die Polizei und andere staatliche Behörden haben sich für vieles zu verantworten, aber das reicht nicht aus. Sowohl in Griechenland als auch in weiten Teilen Europas wurden ein Grundsatz und eine Ideologie geschaffen, die nicht erfasste Flüchtlinge auf verzerrte Weise als Gefahr und Bedrohung darstellt. Es gibt keinen humanitären Bestandteil. Der Staat reagiert mit Festnahme, Inhaftierung und Ausweisung. Die zur Verfügung stehenden Einrichtungen, die regel- und routinemäßig von NROs und internationalen Flüchtlingshilfswerken als für das menschliche Leben ungeeignet verurteilt werden, zeigen dies nur zu deutlich. Auch wenn einige der Angestellten in diesen Einrichtungen von dem Leiden dem sie begegnen zutiefst betroffen sind, drehen sich die Mühlsteine des Systems erbarmungslos weiter. Das muss sich ändern.

Was hier auf Samos so viele dazu gebracht hat, sich für das, was Wasim und seiner Familie widerfahren ist, zu schämen, ist die Art und Weise, auf welche sich diese Vorstellungen und Methoden ausgebreitet haben. Als Wasim seine festsitzende Familie verließ um nach Hilfe zu suchen, ging er zurück ins Meer und schwamm an der Küste entlang, bis er schließlich einen Weg fand, der zu einem kleinen Haus führte. Im Meer schwimmend, rief er um Hilfe als er kleine, vorbeifahrende Fischerboote sah. Einige reagierten, kamen näher, kehrten dann aber wieder um, als sie sahen, dass er ein Flüchtling war. Ein junger Freund fragte einmal was nur passiert ist, dass wir zu so etwas in der Lage sind.

Die traurige Antwort ist, dass Griechenland viele Menschen (aber nicht alle) so sehr verängstigt hat, sodass sie Flüchtlingen nicht mehr helfen wollen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Fischer, die Wasim nicht zur Hilfe kamen, Angst hatten, dass ihr Boot konfisziert werden könnte wenn sie ihm helfen. Der Staat konfiszierte und verkaufte das Auto eines unserer Freunde als sich herausstellte, dass er nicht erfasste Flüchtlinge mitgenommen hatte. Eine weitere Freundin, eine ältere Frau, die ein kleines Gasthaus betreibt, war verängstigt als vier iranische Flüchtlinge bei ihr auftauchten weil sie ein Zimmer buchen wollten, um bis zur Abreise der Fähre nach Athen in Sicherheit zu sein. Sie hatte Angst, sie könne ihr Gasthaus verlieren wenn die Behörden herausfänden, dass sie ihnen hilft. Dennoch tat sie es.

Anfang des Sommers wurden auf Samos zwei pakistanische Flüchtlinge, die im Besitz von Ausweispapieren waren, aufgrund „illegaler Bewirtung“ strafrechtlich verfolgt, nachdem sie zwei nicht erfassten Flüchtlingen ein Zimmer angeboten hatten. Es ist furchtbar, Menschen Angst einzujagen, sodass sie befürchten müssen, ihre Menschlichkeit zu verlieren. Das geschieht in diesem Fall und kann und sollte nicht toleriert werden.

In der Zwischenzeit wurde Wasim von seiner Trauer überwältigt. Er sagt, er wollte nur, dass seine Familie in Sicherheit ist. Doch stattdessen war er mit für ihren Tod verantwortlich. Seinetwegen und für all die anderen Tausende Flüchtlinge, die ausnahmslos arm sind, da sie keine Ausweispapiere besitzen, müssen wir eine Lösung finden, um diese Grundsätze, Methoden und Ideologien, durch die Menschen verletzt und getötet werden und die unsere Menschlichkeit verzerren, zu ändern.

Sofiane Ait Chalalet ist Algerierin und kam vor sieben Jahren als Flüchtling nach Samos. Chris Jones ist Brite und wanderte vor sechs Jahren nach Samos aus, nachdem er 30 Jahre im englischen Hochschulwesen Sozialwissenschaft unterrichtet hatte. Hier berichten sie nun über die Auswirkungen der wachsenden humanitären Notlage auf das tägliche Leben in Samos und über das grausame Schicksal der Flüchtlinge die sich in griechischer Gefangenschaft befinden.

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