Frauenarbeit: Die verzerrte Realität einer italienischen Freiberuflerin in Syrien

1.7.2013
Übersetzung aus dem Englischen: Translators for Justice
Quelle: http://cjr.org/feature/womans_work.php

von Francesca Borri

Endlich schrieb er mir. Nachdem ich seit über einem Jahr, in dem ich an Typhus erkrankt war und mir ins Knie geschossen wurde, freiberuflich für ihn gearbeitet hatte, verfolgte mein Redakteur die Nachrichten und befürchtete, dass ich einer der italienischen Journalisten sei, die entführt wurden. Daraufhin schrieb er mir eine E-Mail, in der stand: „Solltest du Empfang haben, könntest du mir dann mal deinen Aufenthaltsort twittern?“

Am Abend des selben Tages kehrte ich ins Rebellenlager zurück. Es befand sich inmitten der Hölle, zu der sich Aleppo entwickelt hatte. Umgeben von Staub, Hunger und Angst hoffte ich dennoch, einen Freund zu finden, ein nettes Wort, eine Umarmung. Stattdessen erreichte mich eine weitere E-Mail von Clara, die ihren Urlaub in meinem Haus in Italien verbrachte. Zuvor hatte sie mir schon acht „dringende“ Nachrichten geschickt. Nun suchte sie gerade meinen Spa-Ausweis, um das Angebot kostenlos nutzen zu können. Alle anderen Mails in meinem Posteingang lauteten wie folgt: „Ausgezeichnete Arbeit heute; genauso grandios wie dein Buch über den Irak“. Unglücklicherweise handelte mein Buch nicht vom Irak, sondern vom Kosovo.

Die Menschen haben immer diese Wunschvorstellung einer freiberuflichen Journalistin, die die Sicherheit eines regulären Einkommens gegen die Freiheit eintauscht, sich die Storys auszusuchen, die sie am meisten faszinieren. Jedoch genießen wir Journalisten ganz und gar keine Freiheit – im Gegenteil. Denn die Wahrheit ist, dass ich meinen Job nur dann weiter ausleben kann, wenn ich in Syrien bleibe; dort, wo niemand sonst sein möchte. Und damit meine ich nicht das Lager in Aleppo, sondern die Front, denn die Redakteure in Italien interessieren lediglich die blutigen Details, das Peng-Peng. Ich schreibe über die Islamisten und ihr Netzwerk sozialer Einrichtungen, was das Zentrum ihrer Macht darstellt – den Teil der Krise, der weitaus komplexer ist als das Geschehen an der Front selbst. Meine Mission ist es, aufzuklären und nicht nur zu bewegen. Trotz dieser Bemühungen wird mir dennoch immer wieder entgegnet: „Was soll das? Sechstausend Wörter und kein Toter?“

Eigentlich hätte mir dies schon auffallen müssen als mich mein Redakteur darum gebeten hatte, einen Artikel über den Gazakonflikt zu schreiben, da der Gazastreifen mal wieder bombardiert wurde. In seiner E-Mail schrieb er: „Du kennst den Gazastreifen in- und auswendig. Wen interessiert schon, dass du in Aleppo bist?“ Und genauso ist es. Die Wahrheit ist, dass ich nur in Syrien gelandet bin, da ich die Fotos von Alessio Romenzi im Time Magazine gesehen habe. Er wurde durch Wasserrohre nach Homs geschleust, zu einem Zeitpunkt, an dem noch niemand wusste, dass Homs überhaupt existiert. Ich sah seine Aufnahmen während ich Radiohead hörte – es waren Augen, die mich anstarrten, die Augen der Menschen, die von Assads Armee einer nach dem anderen ermorden worden waren. Und dabei hatte noch nie jemand zuvor von dem Ort Homs gehört. Mein Gewissen befahl mir, mich sofort nach Syrien aufzumachen.

Dabei ist es egal von wo aus man schreibt, sei es Aleppo, Gaza oder Rom, für die Redakteure macht dies kein Unterschied. Denn das Gehalt ist dasselbe: 70 US-Dollar pro Artikel. Und dies ist auch an Orten wie Syrien der Fall, wo sich die Ausgaben aufgrund von wilden Spekulationen verdreifachen. Demzufolge kostet beispielsweise die Übernachtung auf einer Matratze auf dem Boden in einem Rebellenlager, wo der Lärm von Granaten kaum auszuhalten ist und gelbliches Wasser, das Typhus verursacht, an der Tagesordnung ist, 50 US-Dollar pro Nacht. Ein Auto kostet ca. 250 US-Dollar pro Tag. Damir erhöhen sich auch die Risiken eher anstatt sich zu verringern. Also kann man sich weder eine Versicherung (ca. 1000 US-Dollar im Monat) noch einen Mittelsmann oder Dolmetscher leisten. Das heißt, man ist ganz allein in der unbekannten Welt. Die Redakteure wissen ganz genau, dass dich 70 US-Dollar pro Artikel dazu zwingen, an allen Enden zu sparen. Ihnen ist außerdem bewusst, dass, wenn man ernsthaft verwundet werden sollte, die Aussicht auf den Tod verlockender ist als das Überleben, da man sich eine Behandlung keines Falls leisten kann. Jedoch kaufen sie deinen Artikel trotzdem, auch wenn sie niemals einen Nike Fußball kaufen würden, der von einem Kind in Pakistan gefertigt wurde.

Dank moderner Kommunikationstechnologien ist man dazu geneigt, anzunehmen, dass schnell zugängliche Informationen besser sind. Dies basiert jedoch auf einer selbstzerstörerischen Logik: Inhalte sind mittlerweile standardisiert, sodass sich weder Zeitungen noch andere Magazine voneinander unterscheiden. Somit gibt es keinen Grund mehr, Reporter zu bezahlen. Um sich über Neuigkeiten zu informieren gibt es schließlich das Internet – und das kostenlos. Damit stehen heutzutage die Medien im Zentrum der Krise und nicht die Leserschaft. Auch wenn viele Redakteure es nicht glauben wollen, gibt es noch immer genügend gebildete Leser, die sich einfache und nicht vereinfachte Texte wünschen. Sie wollen verstehen, nicht nur wissen. Immer wenn ich Augenzeugenberichte über den Krieg veröffentliche, erhalte ich ein Dutzend E-Mails, in denen steht: „Okay, großartiger Artikel, großartige Bilder, ich würde jedoch gerne verstehen, was in Syrien vor sich geht“. Ich würde ihnen so gerne antworten, dass ich keinen analytischen Artikel liefern darf, da die Redakteure ihn einfach nicht veröffentlichen und mich stattdessen fragen würden, für wen ich mich halte. Dabei interessiert es niemanden, dass ich drei Abschlüsse besitze, schon zwei Bücher veröffentlicht habe und zehn Jahre zunächst als Menschenrechtsbeauftragte und anschließend als Journalistin in den verschiedensten Kriegsgebieten gearbeitet habe. Sicher ist jedenfalls, dass, als Gehirnteile in Bosnien auf mich spritzten, meine Jugend im Alter von 23 Jahren vorbei war.

Freiberufler sind zweitklassige Journalisten – auch wenn es hier in Syrien nur Freiberufler gibt, denn dies ist ein schmutziger Krieg, einer aus dem letzten Jahrhundert. Es ist ein Grabenkampf zwischen Rebellen und Anhängern, die so nah beieinander kämpfen, dass sie sich gegenseitig anschreien können während sie aufeinander schießen. Das erste Mal an der Front traut man seinen Augen kaum: Bajonettes, die man sonst nur aus Geschichtsbüchern kennt. Moderne Kriege sind Drohnenkriege. In Syrien jedoch kämpfen die Menschen noch Seite an Seite, was verdammt angsteinflößend ist. Dennoch behandeln einen die Redakteure in Italien wie ein Kind: Wenn man es mit seinem Foto auf die Titelseite schafft, heißt es, man hatte einfach Glück und war zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Letzten September beispielsweise schrieb ich einen Exklusivbericht über Aleppos Altstadt, die zum UNESCO Weltkulturerbe ernannt worden war und zu diesem Zeitpunkt infolge des Machtkampfes zwischen den Rebellen und der syrischen Armee in Flammen stand. Ich war die erste ausländische Reporterin, die vor Ort war. Die Redakteure entgegneten mir: „Wie kann ich nur erklären, dass du und nicht mein Berichterstatter vor Ort warst?“ Dann erhielt ich diese Mail von einem Redakteur: „Ich kaufe die Story, werde sie aber unter dem Namen meines Auslandskorrespondenten veröffentlichen.“

Und dann kommt natürlich noch hinzu, dass ich eine Frau bin. Vor kurzem hörte ich überall um mich herum Schüsse. Ich hatte mich in eine Ecke verkrochen und mein Gesichtsausdruck verriet, dass ich Todesangst hatte. Dann kam ein anderer Journalist auf mich zu, betrachtete mich von oben bis unten und sagte: „Dies ist kein geeigneter Ort für Frauen.“ Was soll man darauf nur antworten?
Vielleicht: „Du Idiot, das ist für niemanden ein geeigneter Ort.“ Dass ich Angst habe, zeigt nur, dass ich bei klarem Verstand bin. Denn Aleppo besteht nur noch aus Schießpulver und Testosteron; jeder hier ist traumatisiert. Henri beispielsweise spricht nur noch über den Krieg und Ryan ist vollgepumpt mit Amphetaminen. Jedes Mal wenn ein Kind auf brutalste Weise ums Leben kommt, erkunden sie sich trotzdem nur nach mir, einer in ihren Augen „schwachen“ Frau. Darauf würde ich ihnen gerne antworten, dass es mir nicht anders geht als ihnen. Die Abende, an denen ich so verletzt auf sie wirke, sind eigentlich die Abende, an denen ich mich selbst schütze, indem ich alle diese Gefühle rauslasse. An diesen Abenden rette ich mich selbst.

Denn Syrien ist nicht mehr was es einmal war, sondern eine Irrenanstalt mit Verrückten aller Art: Ein Italiener, der aufgrund seiner Arbeitslosigkeit der al-Qaida beitrat und dessen Mutter ihm durch ganz Aleppo nachjagt, um ihm ordentlich den Hintern zu versohlen; ein japanischer Tourist, der nur an der Front ist, weil er einen zwei-wöchentlichen Kick sucht; ein schwedischer Jura-Absolvent, der nur nach Aleppo kam, um Beweisstücke von Kriegsverbrechen zu sammeln; amerikanische Musiker mit bin Laden-Bärten, die der Meinung sind, dass sie dadurch nicht auffallen würden, auch wenn sie blond und 1,95m groß sind. (Außerdem haben sie Malariamedikamente mit nach Aleppo gebracht, die sie beim Geigespielen verteilen wollen, obwohl es hier gar keine Malaria gibt.) Und dann gibt es noch die verschiedenen UN-Gesandten. Wenn man sie über ein Kind mit Leishmaniose (eine Krankheit, die sich durch den Biss einer Sandfliege ausbreitet) in Kenntnis setzt und darum bittet, dessen Eltern dabei zu helfen, das Kind in der Türkei behandeln zu lassen, erwidern sie nur, dass dies nicht möglich sei, da es sich lediglich um ein einzelnes Kind handle. Sie würden sich nur um Probleme kümmern, die die gesamte Kinderschaft betreffen.

Wir sind doch alle Kriegsberichterstatter, oder? Wir sind wie Brüder und Schwestern. Wir riskieren unser Leben, um denjenigen eine Stimme zu verleihen, die keine besitzen. Wir haben Dinge sehen müssen, die die meisten Menschen niemals in ihrem Leben sehen werden. Unser Erfahrungsschatz ist so groß, dass wir die coolen Leute sind, die jeder auf seiner Party haben möchte. In der Realität sind wir jedoch keine Brüder und Schwestern, sondern unsere eigenen schlimmsten Feinde. Es ist nicht so, dass wir nur 70 US-Dollar pro Artikel kriegen, weil nicht genug Geld zur Verfügung steht. Das Geld ist schließlich nicht knapp, wenn ein Artikel über Berlusconis derzeitige Freundin veröffentlicht werden soll. In Wahrheit liegt es daran, dass man zwar um 100 US-Dollar pro Artikel bitten kann, jemand anderes jedoch gewillt ist, den Artikel für 70 US-Dollar zu schreiben. Es ist ein harter Konkurrenzkampf. Heute beispielsweise hat mir Beatriz den falschen Weg gezeigt, nur um die einzige zu sein, die über die Demonstration berichtet. Infolge dessen stand ich dann inmitten der Scharfschützen, um über eine gewöhnliche Demonstration zu berichten.

Wir geben vor, hier zu sein, damit niemand behaupten kann: „Ich wusste gar nicht, was in Syrien vor sich geht“. Im Endeffekt sind wir jedoch nur hier, um einen Preis und Aufmerksamkeit zu gewinnen. Wir manipulieren uns hier gegenseitig, als ob der Pulitzerpreis schon zum Greifen nah wäre. Das ist er aber nicht. Wir stehen zwischen den Fronten: Auf der einen Seite garantiert uns die syrische Regierung ein Visum, wenn wir uns negativ über die Rebellen äußern. Und wenn man die Rebellen unterstützt, bekommt man nur das zu sehen, was sie wollen. Im Endeffekt sind wir Versager. Denn nach zwei Jahren werden sich unsere Leser nicht einmal mehr daran erinnern, wo Damaskus liegt. Syrien wird auf der ganzen Welt instinktiv als „Chaos“ beschrieben, weil niemand wirklich darüber Bescheid weiß. Dort gibt es ihrer Meinung nach nur Blut. Das ist der Grund dafür, dass uns die Syrer mittlerweile hassen. Denn wir sind diejenigen, die der Welt erschreckende Fotos zeigen, wie das eines 7-jährigen Kindes mit Zigarette und Kalaschnikow. Natürlich war dieses Foto gestellt, es erschien im März jedoch trotzdem in allen Zeitungen und auf allen Websites der Welt, sodass jeder aufschrie: „Diese Syrer, diese Araber, was für Barbaren!“ Zu Beginn meines Aufenthalts in Syrien wurde ich noch gelobt: „Danke, dass Sie der Welt die Verbrechen unserer Regierung zeigen“. Und heute sagte mir ein Mann, ich solle mich schämen.

Hätte ich den Krieg wirklich verstanden, hätte ich nicht über die Rebellen und die Anhänger (Sunniten und Schiiten) geschrieben. Denn das einzige, worum es im Krieg geht, ist, ohne Angst zu leben, denn es könnte jeden Moment vorbei sein. Hätte ich dies vorher gewusst, hätte ich keine Angst davor gehabt, in meinem Leben zu lieben und auch mal etwas zu wagen. Stattdessen sitze ich jetzt hier in der Dunkelheit, in einer ranzigen Ecke, mich selbst umschlingend. Ich bereue all die Dinge, die ich nicht gesagt und nicht getan habe. Du weißt, dass du morgen noch am Leben sein wirst, worauf wartest du also? Zeig deinen Mitmenschen, dass du sie liebst. Du hast doch alles, was du brauchst. Wovor fürchtest du dich?

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s