Ein Text von Pelin Batu über die Gefährdung der Caretta Caretta in der Türkei: “Schildkrötensuppe”

13.10.2013
Übersetzung aus dem Türkischen: Translators for Justice
Quelle: http://gundem.milliyet.com.tr/kaplumbaga-corbasi/gundem/ydetay/1776754/default.htm

Pelin Batu

Vielleicht werden Sie sich noch erinnern, wie großartig bei uns vor 14 Jahren der Welttierschutztag am 4. Oktober gefeiert wurde. An dem Tag wurde in Aydın eine Tierklinik eröffnet. Minister, Universitätspräsidenten und einige andere hohe Beamte nahmen an der Eröffnung teil, es herrschten Sonnenschein und Heiterkeit. Was an diesem vielversprechenden Tag, an dem unsere feinfühligen Staatsgrößen zusammen kamen, danach passiert ist, werden Sie sich nicht glauben können. Vor der Tierklinik wurden ein Schaf und ein Kalb geschlachtet. Zwar hat der Herr Minister dann die Schlachtung eines weiteren Schafes in letzter Minute verhindert, aber da war das Blut bereits geflossen. So wurde der Welttierschutztag gefeiert und gesegnet.

Dass ich uns heute diese tragikomische Geschichte wieder ins Gedächtnis rufe, hängt mit den derzeitigen Geschehnissen in İztuzu zusammen. Dieses Mal spielt die Geschichte in der Umgebung von Dalyan – einem der selten gesehenen Naturwunder dieser Erde. İztuzu ist ein außergewöhnlich schöner, zwischen Meer und Süßwassern gelegener Strand. Er ist sowohl archäologisches Schutzgebiet als auch ein Naturparadies und Lebensraum zahlreicher nur dort vorkommender Arten. Die Caretta Caretta, eine Meeresschildkrötenart, legt dort ihre Eier ab, Zugvögel ruhen sich aus. Bisher haben seriöse Quellen wie The Times und Trip Advisor İztuzu zu einem der besten Naturräume und Strände der Welt gezählt.

Aber wie wir es so oft erleben, wissen wir das Paradies selten zu schätzen. Es vergeht kein Tag an dem unsere Naturwunder nicht Profitstreben zum Opfer fallen, nicht für kleine Gewinne verhökert werden. Heute werden, ähnlich wie bei dem im Namen des Tierschutzes geschlachteten Schaf, unter dem Vorwand des Umweltschutzes unvorstellbare Projekte für İztuzlu vorgeschlagen. Schon vor Jahren hat man versucht, ein Hotel dort zu bauen – mit dem Einsatz der Bürger konnte dieses Vorhaben jedoch gestoppt werden. Heute wird geschickter vorgegangen und ,,grüne“ und ,,umweltfreundliche“ Vorhaben werden präsentiert. Die tatsächlichen Absichten werden ziemlich gut verschleiert. Aber das Ziel ist immer noch das gleiche: die Küste wird aufgefüllt, die Wirtschaft bekommt das Sagen und das ökologische Gleichgewicht wird zerstört.

Der Vater der Projektidee, Prof. Yakup Kaska, stellt sich für İztuzlu Folgendes vor: Es gibt dort schon ein Rehabilitationszentrum für Schildkröten. Der werte Herr Kaska denkt aber anscheinend, dass diese Station zu klein und unzureichend ist, sodass er daraus eine geschlossene Anlage machen will. Natürlich hat diese Anlage Vorteile, na bitte! Unsere Anlage wird sich sowohl um unsere lieben Schildkröten kümmern, als auch Touristen betreuen. Das Projekt sieht ,,umweltfreundliche“ Cafés, Wellenbrecher und Werften vor. Mit anderen Worten ist alles, was das ökologische Gleichgewicht durcheinander bringt, dabei. Dann sehe ich mir den Bericht der zuständigen Behörde über die ökologischen Auswirkungen an und kann meinen Augen nicht trauen. Und nun stellen Sie sich vor, wie Professor Kaska sich zu dem großen Hafenprojekt, der auf den Nistplätzen der Vögel und Schildkröten gebaut werden soll, äußert: „,… und ich bin der Meinung, dass das Projekt positiv auf die Schildkröten auswirken wird“. Was soll man da noch sagen? Wie gut, dass wir so umweltbewusste Professoren haben!

Vor kurzem konnte man am İztuzu-Strand Zeuge einer fantastischen Feier werden. Der Strand war voll mit Autos, und Schildkrötenbabies wurden vom Gouverneur ins Meer gelassen. Ach wie schön das doch klingt! Aber als die Projektvorhaben ans Licht kamen, wurde klar, dass dies nicht mehr als nur eine Show war. Die Schlüpflinge, die normalerweise nachts ins Wasser gelassen werden, warteten in Eimern, während unsere Staatsmänner mit ihnen für Heile-Welt-Bilder posierten. Die Antwort auf die Frage, warum das natürliche Gleichgewicht der Tiere gestört wird und sie tagsüber freigelassen werden, war dann auf eindrucksvolle Weise ehrlich: ,,Nachts könnte es doch niemand sehen.“ Natürlich, es geht ja darum, zu zeigen, wie umweltbewusst sie sind, selbstverständlich werden diese entzückenden Schildkröten gern für Werbekampagnen benutzt. Und dann wird dort noch ein funkelnagelneues Hotel gebaut, besser kann es ja gar nicht gehen.

Für dieses äußerst kostspielige, naturzerstörerische Projekt höre ich mir die Vorschläge von Umweltaktivisten an. Es gibt welche unter ihnen, die sagen, dass es kostengünstiger wäre, in der Umgebung der Schildkröten 1500 Schutzräume einzurichten. Wenn dies nicht ausreicht, könnten sie mit Hilfe von Wasserwerfern und Tränengas noch besser geschützt werden. Wenn unbedingt Beton gegossen werden soll, schlage ich vor, dass sie dann bei der Eröffnungsfeier auch die berühmte englische Schildkrötensuppe auf das Menü setzen sollen. Das würde doch passen.Wie Sie wissen, wird bei uns die lokale Bevölkerung nicht nach ihrer Meinung gefragt. So ein gutes Benehmen gibt es bei uns nicht. Daher müssen nun die  Bewohner von Dalyan die größte Verantwortung übernehmen. Die Caretta Caretta schwimmen hier seit 95 Millionen Jahren, legen ihre Eier ab, kommen zur Welt, sterben hier. Wie viel Grün, wie viel Blau werden wir hier in Zukunft noch sehen können? Werden wir gegen die Mühlen dieses verrückten Projektes kämpfen? Wann werden wir aufhören, die schönsten Flecken der Erde wie unser Privateigentum zu behandeln?

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