Die denken doch bloß immer an das Eine …

5.10.2013
Übersetzung aus dem Türkischen: Translators for Justice
Quelle: http://bianet.org/bianet/siyaset/151085-iste-bunlar-hep

Dass in irgendeinem Land die öffentliche Diskussion so sehr vom Sex bestimmt wird, das hat – wie es von Regierungsseite immer heißt – “die Welt noch nicht gesehen”. Es begann mit dem Thema Abtreibung, und es geht weiter mit den gemischtgeschlechtlichen Wohngemeinschaften der Studenten. Was ich in meinem zarten Alter wohl noch alles erleben werde?

Çiçek Tahaoğlu

Der Ministerpräsident ist in letzter Zeit so umtriebig, dass die Journalisten gar nicht mehr richtig zum Arbeiten kommen.

Damit meine ich jetzt nicht einmal, wie Erdoğan auf seinen Pressekonferenzen jedem Fragesteller übers Maul fährt. Es ist ganz einfach so, dass wir mit seinen gefühlten 1500 Erklärungen pro Tag nicht mehr mitkommen. Während wir noch mit der einen beschäftigt sind, fliegt uns schon die nächste um die Ohren.

Und es ist ja auch nicht nur das Tempo, auch der Inhalt macht uns zu schaffen.

Den Politikern geht es da kaum anders. Selbst Bülent Arınç, ein Stellvertreter des Ministerpräsidenten, ist schon ganz durcheinander. Und wenn das Umfeld Erdoğans eine seiner Einlassungen abfedern will, geht mit dem Mann erst recht der Gaul durch.

Wenn Parlamentarierinnen vom Rednerpult rufen, dass die Männer doch lieber mal schweigen sollten, redet er umso mehr.

Auf den Nachrichtenseiten hat gut jede zweite Schlagzeile mit dem Thema der gemischten Wohngemeinschaften zu tun.
Er muss allmählich selbst von der Bezeichnung “Jungs und Mädchen gemischt” die Nase voll haben, dass er zuletzt die Frage formulierte: “Wie angemessen kann es denn sein, dass ein Mädchen und ein anderer junger Mensch zu zweit in einer Privatwohnung gemeinsam wohnen?”

Da fühlen sich aufmerksame Bürger sofort angesprochen und schreiten zur Tat. Wie in dem Beispiel einer Studentin, in deren Hausflur gleich nach Erdoğans erster Erklärung ein Aufruf hing, man solle sofort Anzeige erstatten, falls irgendwo im Haus Mädchen und Jungen zusammenwohnten.

Dass in irgendeinem Land die öffentliche Diskussion so sehr vom Sex bestimmt wird, das hat – wie es von Regierungsseite immer heißt – “die Welt noch nicht gesehen”.

Losgegangen ist es mit der Abtreibungsdebatte, dann kamen die Vagina-Dialoge im Parlament, die Debatte um den Kaiserschnitt, das Gerede, was wohl während der Gezi-Proteste in den Zelten im Park so alles ablief, das Projekt, die Pille danach nur auf Rezept herauszugeben, die Diskussion, ob Schwangere überhaupt auf der Straße herumlaufen sollten, die Sache mit der Moderatorin, die wegen ihres Dekolletés entlassen wurde, die Einführung nach Geschlecht getrennter Studentenwohnheime und die Frage, ob in den Schulkantinen Jungen und Mädchen nicht lieber zu verschiedenen Zeiten essen sollten…

Und nun geht es weiter mit den gemischten Wohngemeinschaften. Was ich in meinem zarten Alter wohl noch alles erleben werde?

Aber diesmal kapier ich’s wirklich nicht. Und hätte an den Ministerpräsidenten ein paar Fragen.

Also, mein Freund und ich, wir wohnen zusammen. Nun ja, und wir schlafen auch miteinander. Soll das Gesetz, das Sie jetzt herausbringen wollen, nur Studenten betreffen? Und sind wir mit unserem Diplom in der Tasche damit fein heraus? Und was ist mit Masterstudenten und mit Doktoranden?

Letzte Woche haben Sie verlautbart, allen Studenten, die heirateten, würden ihre Schulden erlassen. Dass Studenten miteinander schlafen und Kinder machen, stört Sie also nicht an sich? Wenn wir tatsächlich die drei Kinder kriegen, die Sie immer von uns wollen, geht das dann auch ohne Heirat?

Muss man beim Mieten einer Wohnung jetzt einen Trauschein vorlegen? Und tut es auch eine Kopie?

Fällt es nun zu Gunsten von Schwulen und Lesben aus, dass Sie auf die gar nicht eingehen? Oder erkennen Sie endlich an, dass es außer der Homosexualität auch noch andere sexuelle Neigungen gibt, und wollen Sie die auch kontrollieren? (Zu wessen Vorteil das ist, ist mir noch nicht ganz klar, aber neugierig macht es schon.)

Dann haben Sie auch noch gesagt, dass Sie jede Art von Glauben achten. Darf’s auch eine Pastafari-Ehe sein? Eine Revolutionsehe? Eine Imam-Ehe?

Ich frage nicht mal, wie Sie das alles kontrollieren wollen, mit was für einem Zaubergesetz, denn zweifellos werden sie in Ihrer phantastischen Welt auch dafür eine Lösung finden.

Erdoğan kümmert sich eben um die Studenten, will ihnen Gutes tun. Sagt er.

Lieber Herr Ministerpräsident, wenn Sie sich um die Belange der Studenten sorgen, dann lassen Sie einfach genügend Wohnheime bauen, das reicht schon. Wo Sie doch gesagt haben: “Da wir mancherorts dem Bedarf an Wohnheimplätzen nicht gerecht werden konnten, ist leider ein Bedarf an Privatunterkünften entstanden.” Also: mehr Wohnheime. Aber keine getrennten. Im Gegenteil: nur noch gemeinsame.

Es war bisher war schon schwer genug, als Student eine Wohnung zu mieten. Durch misstrauische Vermieter und spionierende Nachbarn wird es jetzt zum Ding der Unmöglichkeit. Statt mehr gemischte Wohnheime zu kriegen, müssen wir jetzt also darum kämpfen, unsere bisherigen Rechte nicht zu verlieren.

Aber angeblich reagiert Erdoğan ja nur auf die Klagen von Eltern, die ihre Kinder dem Ministerpräsidenten gleichsam anvertraut haben.

Sehr geehrter Herr Ministerpräsident, ist Ihnen eigentlich klar, dass Sie es mit volljährigen Menschen zu tun haben? Wenn Eltern etwas nicht passt, so ist das, wie Sie wohl selber zugegeben werden, eher eine “Familienangelegenheit”. Und wenn diese Eltern sich beklagen, sollten Sie das nicht gleich auf sich beziehen. Sie können schließlich nicht das Oberhaupt jeder einzelnen Familie sein, oder unser aller Vater.

“Bei unseren Behörden sind Beschwerden eingegangen, auf die gehen wir natürlich ein. Was gibt es daran aussetzen?”, hat Erdoğan gesagt.

Verehrter Ministerpräsident, hat das Land vielleicht keine anderen Sorgen? Und haben Polizei und Behörden nichts anderes zu tun, als Wohngemeinschaften zu kontrollieren?

Wenn sie derart unterbeschäftigt sind, sollten sie lieber dafür sorgen, dass das Gesetz Nr 6284 zum Schutz der Familie und zur Verhinderung von Gewalt gegen Frauen auch wirklich umgesetzt wird.

Allein in den ersten neun Monaten dieses Jahres sind 146 Frauen von Männern umgebracht worden. Und vıele davon hatten sich zuvor an die Polizei und an die Behörden gewandt.

Zum Abschluss noch Folgendes: Wenn Sie jetzt ein Gesetz herausbringen, dass unverheirateten Frauen und Männern verbietet, zusammenzuwohnen, dann tun Sie damit genau das, was Sie immer abstreiten, nämlich sich ins Privatleben der Leute einzumischen. Und das wissen Sie genauso gut wie wir.

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