Apollinaire bestrafen

6.11.2013
Übersetzung aus dem Türkischen: Translators for Justice
Quelle: http://www.cumhuriyet.com.tr/koseyazisi/6611/Apollinaire_i_Cezalandirmak.html#

Metin Celal

Nachdem der Prozess um die Übersetzung von Guillaume Apollinaires “Die Großtaten eines jungen Don Juan” mit einem Freispruch geendet hatte, war das Urteil von der 14. Kammer des Strafsenats aufgehoben wurden, so dass sich İrfan Sancı vom Verlagshaus Sel Yayıncıları und der Übersetzer İsmail Yerguz ab morgen erneut vor Gericht zu verantworten haben. Die Staatsanwaltschaft fordert für die beiden wegen Verbreitung obszönen Schrifttums eine sechs- bis zehnjährige Gefängnisstrafe.

Der Strafsenat hatte befunden, Apollinaires Werk sei “obszön und pornographisch” und falle daher nicht in den Bereich der Meinungsfreiheit. Dabei berief sich der Senat auf ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte: “Solche Veröffentlichungen können daher Einschränkungen unterworfen werden, die gesetzlich vorgesehen und in einer demokratischen Gesellschaft zur Aufrechterhaltung der Ordnung oder zur Verhütung von Straftaten, zum Schutz der Gesundheit oder der Moral notwendig sind.” In auffällig scharfer Form wurde vom Senat das Gutachten kritisiert, das Universitätsdozenten zu dem Buch angefertigt hatten. “Es ist mit dem Gesetz unvereinbar, einen Freispruch in der Sache damit zu rechtfertigen, dass das Werk einen künstlerischen oder literarischen Wert besitze.”

Hier muss die Frage erlaubt sein, ob die Urheber dieses Urteils wissen, wer Guillaume Apollinaire eigentlich war. Ist ihnen klar, dass Apollinaire (1880-1918) als Dichter zu den Weltklassikern gehört? Dass er zu den Vorreitern von Strömungen wie dem Kubismus, dem Dadaismus und dem Futurismus zählt und dass Begriffe wie Surrealismus und Orphismus sogar von ihm geprägt wurden? Und dass das inkriminierte Buch 1911 veröffentlicht wurde, in zahlreichen Sprachen erschien und zu den bedeutendsten Werken der erotischen Literatur gehört? Was in dem Gutachten über den literarischen Wert Apollinaires steht, haben die Richter entweder nicht geglaubt oder für falsch befunden.

Der Strafsenat hat den “Großtaten eines jungen Don Juan” literarischen Wert abgesprochen, denn der Artikel 226 des türkischen Strafrechts betrifft keine wissenschaftlichen und literarischen Werke. Sollte das Verfahren im Sinne des Strafsenats zu Ende gehen, so dürften wir in die Geschichte als einziges Land der Welt eingehen, das Apollinaire verurteilt und seinen Verleger und seinen Übersetzer bestraft.

Das Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte, auf das der Strafsenat sich bezog, stammte aus dem Jahr 1976 und betraf damals ein Schulbuch. Eine Entscheidung neueren Datums, die sich speziell mit Apollinaire und der Türkei beschäftigte und mit dem jetzigen Prozess große Ähnlichkeiten aufwies, wurde dagegen nicht berücksichtigt. Im Jahre 2010 nämlich hatte der Gerichtshof als Verstoß gegen die Meinungsfreiheit angesehen, dass türkische Gerichte Apollinaires Roman “Die 11000 Ruten” wegen erotischer Passagen verboten und den Verleger verurteilt hatten. In der Begründung hatte geheißen, der Roman gehöre zum europäischen Literaturerbe und der türkische Strafsenat habe damit gegen Artikel 10 der Europäischen Menschenrechtskonvention zur freien Meinungsäußerung verstoßen.

Es darf auch nicht vergessen werden, wozu der Versuch, Apollinaires Buch zu verbieten, noch führen kann. Mit der Indizierung des Buches als “obszönes Machwerk ohne literarischen Wert” möchte der Strafsenat einen Präzedenzfall schaffen. Es sollen wieder die Zeiten aufleben, in denen Bücher, die angeblich gegen die allgemeine Moral verstießen, beschlagnahmt und ihre Autoren, Übersetzer und Verleger zu Gefängnisstrafen verurteilt wurden.

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