»Ausbeutungslager« in Istanbul für aus Syrien flüchtende Kurden!

15.8.2013
Übersetzung aus dem Türkischen: Translators for Justice
Quelle: http://t24.com.tr/haber/suriyeden-kacan-kurtler-icin-istanbulda-somuru-kampi-kurulmus/237026

Kriegsopfer, die kein Heim haben, keine Nahrung finden, nicht einmal um ihre Familien trauern können, die herumgestoßen, ja sogar verkauft werden, die in Prostitution, Bettlerdasein und Sklaverei gezwungen werden. Und das vor unseren Augen.

Ein Bericht von Tuğçe Tatari

Immer, wenn sich in Eminönü der Verkehr staute, fragte ich mich, was wohl die Geschichte der Kinder war, die barfüßig zwischen den Autos herumliefen und Wasser verkauften. Meist dachte ich, dass es die jene Kinder ausbeutenden Erwachsenen waren, die ihnen ein Kostüm aus verdreckten Kleidern, nackten Füßen und verschmutzten Gesichtern anlegten.

Ich weiß nicht, ob es daran lag, dass wir irgendwo unsere Menschlichkeit verloren hatten, oder daran, dass wir diejenigen, die ihre Menschlichkeit eingebüßt hatten, als normal erachteten, aber Kinder, die man zum Betteln schickte, erweckten in mir stets den Eindruck einer ‚Inszenierung durch die Erwachsenen’.

200 Lira, und du bist in Istanbul

Sie wissen, was sich in Syrien und in den letzten Tagen in Rojava abspielt. Die Region ist ein Meer aus Blut. Mit all seiner zerstörerischen Wucht verwüstet der Krieg das Land. Bomben legen die Städte in Schutt und Asche, töten Familien oder reißen sie auseinander.

Auf der Suche nach Wegen weg von diesem Krieg folgen die meisten unbewusst den Massen und landen so in der Türkei.

Die Nähe zur Grenze und das Wissen, dass sich in der Türkei auch »ihre Leute« befinden, machen die Türkei zur ersten Anlaufstelle, an die sich Kriegsopfer in ihrem Instinkt ums nackte Überleben flüchten.

Antakya und Ceylanpınar stecken quasi mitten im Krieg.

Und genau hier befindet sich für die Menschen, die sich auf diese Seite der Grenze geflüchtet haben, auch das Tor zum ‚Marktplatz, auf dem mit menschlichem Leben gehandelt wird’.

An der Grenze warten bereits bestimmte Männer.

Keiner weiß, wer sie sind und für welche Organisation sie arbeiten.

Man weiß nur, dass sie Tausende von Menschen für 100 Lira nach Urfa, und von dort für weitere 100 Lira nach Istanbul bringen.

Ich weiß noch nicht, was mit denen passiert, die in Urfa bleiben, ich habe es nicht mit eigenen Augen gesehen. Aber was ich in Istanbul gesehen habe, möchte ich nun berichten.

‚Flüchtlings’lager arbeitet nach dem System der Ausbeutung!

Was ich bezeugen kann, beginnt gleich in den Straßen hinter dem Geschäftszentrum İMÇ in Unkapı.

Im Stadtteil Küçükpazar …

Einem Viertel voller Gebäude, die sie ‚Hotel’ nennen, und die in winzige Zimmer unterteilt wurden. Im gesamten Viertel sieht es so aus. Es trifft den Nagel auf den Kopf, wenn ich es eine Art ‚Flüchtlingslager’, das nach dem System der Ausbeutung arbeitet, nenne.

Mein Fotoreporter und ich erwecken gleich beim Eintreten in den Stadtteil Aufmerksamkeit. Menschen umringen uns. Menschen, von denen die meisten Kurdisch sprechen und kein Türkisch.

Als wir diejenigen mit Türkischkenntnissen nach den Zufluchtsuchenden fragen, wird schon mal eine Namensliste hervorgezogen. »Hier im Viertel leben 200. Ich habe sie alle bei mir auf der Liste«, sagt einer. Auf unsere Frage »Warum führst du eine Liste?« gibt er keine Antwort. Auf weitere Fragen wie »Woher stammen sie, wie kommen sie her, was essen sie, wo schlafen sie, wo arbeiten sie, besitzen sie Pässe, sind diese Menschen registriert?« lautet die Antwort: »Hier ist es überall voll von denen. Wir wissen das alles nicht, aber Fatih, Esenyurt, Sultangazi ist voll von denen.«

Währenddessen tritt ein kleiner Mann zu uns. Er glaubt, dass wir ein Zimmer suchen. Was sucht ihr, fragt er, ich hätte ein Zimmer für 1500 Lira im Monat. Wir wollen das Zimmer sehen, doch als er den Fotoapparat entdeckt, haut er ab.

Man zeigt uns ein Kellergeschoss, dessen Tür offen steht. Wir steigen hinunter, die Toiletten sind übergelaufen, beißender Geruch schlägt uns entgegen, die Wände sind feucht, die winzigen Zimmer riechen nach Schimmel und sind vollgestopft mit Menschen. Hier kostet das Zimmer 600 Lira im Monat, pro Tag 20 Lira. Sie erlauben uns nicht, zu fotografieren.

Besser gesagt, der Hausbesitzer entdeckt und verjagt uns.

Junge Mädchen werden zur Prostitution animiert

Auf der Straße begegnen wir einem jungen Mann mit seinem Baby auf dem Schoß. Er heißt Mahmut, er ist 25 Jahre alt. Als er anfängt zu reden, erfahren wir, dass er Kurde ist und aus dem syrischen Rojava stammt.

Wir sagen ihm, dass wir gern sein Zimmer sehen würden, er nimmt uns mit nach oben.

Diese Zimmer zu monatlich 800 Lira sind im Vergleich zu den vorherigen luxuriös zu nennen, aber im Raum liegt ein stechender Kloakengeruch.

»Wo ist deine Frau?«, fragen wir. »Sie sucht nach etwas zu essen«, antwortet er. Auf unsere Frage »Und wie? Hat sie Geld dabei?« lautet seine Antwort »Nein. Ich weiß nicht, wie sie das macht.«

Aus dem gegenüberliegenden Zimmer sehen zwei kleine Kinder zu uns herüber.

Wir gehen hinüber. Xezal ist 45. Das hier ist ihr Zimmer. Sie hat vier Kinder. Das heißt, nur diese vier Kinder sind noch am Leben. Drei weitere Kinder, ihren Mann und ihre Eltern hat sie im Krieg verloren. »In Homs ist kein Stein mehr auf dem anderen. Wir flohen aus dem Haus und rannten hinter der Menge her über die Grenze«, schildert sie uns ihre Reise.

Ihr ältestes Kind ist Süheyla. Sie ist 13. Sie hat Angst, auf die Straße zu gehen. »Junge Mädchen werden dazu animiert, sich zu prostituieren. Deshalb lasse ich sie auch nicht gehen und schließe sie sogar ein«, erklärt Xezal uns den Grund für die Angst ihrer Tochter.

Süheylas Augen glänzen, als sie von Heimweh spricht und ihrem Wunsch, nach Hause zurückzukehren. Mit einem Mal verdüstert sich ihr Blick, als sie sagt: »Wir haben den Tod hinter uns gelassen.«

Ihre Geschwister sind noch sehr klein. Durch den Verkauf von Wasser auf der Straße und Betteln versuchen sie, die Miete zusammenzukratzen. Das erfahren wir erst viel später, als sie ein wenig mehr Vertrauen zu uns haben.

Xezal zeigt uns vier Eier und zwei Fladenbrote. »Dafür arbeiten sie«, sagt sie mit Blick auf ihre Tagesration, die auf dem Boden mitten im Dreck liegt.

Die Frage nach dem Morgen und was sie über die Zukunft denkt, kommt einem nicht über die Lippen.

Wenn man sich eine zumeist aus Kindern bestehende Familie ansieht, die dem Tod entfloh und im Elend landete, kann man sich nur noch fragen, in welchen Zustand die Menschheit geraten ist.

Meine Gefühle sind unbeschreiblich, als ich die an ihre Mutter gepressten Kinder mit ihren angsterfüllten Augen verlasse …

Es sind immer die Frauen und Kinder, die am meisten vom Krieg betroffen sind und das Leid am stärksten erfahren. Wir sind nur die Beobachter, zumindest vorläufig.

Ohne Geld kein Pass

Beim Verlassen des Gebäudes fällt mein Blick auf den überall verstreuten Müll und auf die inmitten des Mülls unnachgiebig ums Überleben kämpfenden Kinder. Kinder, die trotz allem ihre Fröhlichkeit nicht verlieren. Ein älterer Mann ruft hinter uns her. Weil er Kurdisch spricht, verständigen wir uns mit ihm mit Hilfe anderer. Der Junge neben ihm ist sein Enkel. Mit drei Schwiegertöchtern und sechs Enkeln leben sie in einem Zimmer. Drei Söhne hat er im Krieg verloren. »Ich besitze Felder und Obstgärten und genügend Geld, um angenehm leben zu können, aber das ist alles in Aleppo. Hier muss ich nach Milch für meinen Enkel suchen. Durch die Angst vor dem Krieg hatte seine Mutter plötzlich keine Milch mehr und konnte ihn nicht stillen, deshalb muss ich Milch finden«, sagt er. Er beklagt, dass ständig Hilfsvereine vorbeikommen, aber keiner hilft. Er setzt den Enkel in einen Spielzeugkinderwagen. »Um zu helfen, haben sie uns den gegeben«, meint er. Mir fehlen die Worte.

Am meisten fürchtet er, dass die Kinder krank werden. Er berichtet, wie er den Enkel, als er krank wurde, ins Haseki Krankenhaus brachte, man sich zunächst, weil sie Ausländer waren, nicht um ihn kümmern wollte, der Enkel dann für ein Honorar von 80 Lira für die Visite untersucht wurde und man schließlich, als sie das Geld nicht aufbringen konnten, ihre Pässe einbehielt. »Gott schütze jeden vor so einer Situation«, meinte er.

Nachts findet man nur schwer etwas zu essen

Wir gehen weiter durch die Straßen und werden Zeuge von Elend und Hilflosigkeit, und davon, wozu diese Lage den Menschen bringen kann.

Ein Spaziergang, bei dem wir auf Menschen treffen, die bedroht werden, weil sie mit Journalisten gesprochen haben; Familien, die sich des Geldes wegen dem Missbrauch ihrer Kinder beugen müssen, und auf Dramen, die sich in Krankenhäusern abspielen.

Während wir Richtung Goldenes Horn laufen, das heißt bei der Handelsuniversität in der Ragıp-Gümüşpala-Straße ankommen, fällt unser Blick auf die parkähnliche Fläche und die dort lebenden Menschen.

Wir gehen zu ihnen.

Der 35jährige Berekat verdingte sich in Aleppo als Bauarbeiter. Wir erfahren, dass er vor einer Woche vor dem Krieg nach Istanbul floh und nun mit der fünfjährigen Tochter Fatma und den Söhnen Hatım und Ammar, sieben und vier Jahre alt, auf diesem Areal lebt.

Berekats Frau Bahar ist 25 Jahre alt. Weil man ihnen in Urfa ihr ganzes Geld gestohlen hat, können sie sich kein Zimmer mieten, und deshalb leben sie hier. Sie erzählen weiter, dass sie tagsüber das essen, was Passanten ihnen geben, sie abends aber Schwierigkeiten haben, etwas zu Essen zu finden.

Ich sehe, dass die Kinder Wasser aus dem Rasensprenger trinken.

In dem Moment treffen sich Bahars und meine Augen.

Die 17-jährige Şeyma ist schwanger und lebt auf der Straße

Sie ist blutjung. Ein strahlendes Gesicht. Gerade, als ich auf sie zugehen möchte, bemerke ich ihren Bauch und zucke zusammen.

Ein Mädchen mit einem reinen Gesicht, das seine Schwangerschaft auf der Straße erleben muss.

Ja, sie ist ein Mädchen. Siebzehn Jahre alt. Ihr Name ist Şeyma.

Mit 13 heiratete sie. Neben dem Kind in ihrem Bauch hat sie bereits einen eineinhalbjährigen Sohn. Er ist krank. Aber sie sagt: »Ins Krankenhaus können wir nicht, weil sie Geld wollen.«

Und sie fügt hinzu: »Sogar unsere Bekannten, die genügend Geld für ein Zimmer haben, können ihre Kinder nicht ins Krankenhaus bringen.«

Ich frage sie: »Und die Schwangerschaft, wie geht es weiter, wie willst du das Kind zur Welt bringen?« »Ich weiß es nicht. Ich weiß gar nichts«, lautet ihre Antwort. »Wenn ich Geld hätte, hätten wir ein Dach über dem Kopf, aber ich habe keins. Deshalb weiß ich nicht, wie es mit der Geburt wird.«

Ihr Mann ist 25. Mit Reis, den er von den höchstwahrscheinlich erbettelten zweieinhalb Lira für sein Kind gekauft hat, kommt er zu uns. Auch sie stammen aus Homs. Şeyma hat ihren 11jährigen Bruder und den 40jährigen Vater im Krieg verloren. Ihre Mutter floh mit ihnen gemeinsam, blieb jedoch in Urfa. »Wir werden bestimmt nie wieder etwas voneinander hören«, sagt sie.

Stets hungrig und unter der prallen Sonne, wartet eine 17jährige Mutter mit schmerzendem Rücken auf die Geburt.

Die Ursache für all das, was ihr widerfährt, ist der Krieg. Sie haben sich nur auf den Weg gemacht, um nicht zu sterben und dem Krieg zu entkommen.

Ich erhebe mich. Ich gehe los, gehe sehr schnell.

Kriegsopfer, die kein Heim haben, keine Nahrung finden, nicht einmal um ihre Familien trauern können, die herumgestoßen, ja sogar verkauft werden, die in Prostitution, Bettlerdasein und Sklaverei gezwungen werden. Und das vor unseren Augen. Und zu Tausenden. Und die meisten sind Kinder.

Ich habe versucht, mich ihrem Leben als Journalistin zu nähern, und bei meinen Wunsch, sie zu treffen und mit ihnen zu sprechen, spielte natürlich auch der Nachrichtenwert eine Rolle, aber allem voran empfand ich die Notwendigkeit, nicht als Journalistin, sondern als Mensch nicht still zu bleiben und meinen Beitrag zu leisten.

Wenn das das Minimum dessen ist, was man »Menschlichkeit« nennt, vergessen Sie nicht, Menschen, denen nicht einmal der Status eines anerkannten Kriegsopfers oder das Asylrecht gewährt wird, die Hand zu reichen. Mitten in Istanbul hat man »Flüchtlings«-Lager errichtet, die im Wesentlichen mit den Mitteln der Ausbeutung arbeiten!

Die Kinder sind hungrig, die Mütter kraftlos, die Männer hilflos …

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