Türkischer Verlegerverband: „Publikationsfreiheit soll nicht länger beschnitten werden“

06.08.2013
Übersetzung aus dem Türkischen: Translators for Justice
Quelle: http://haber.sol.org.tr/medya/turkiye-yayincilar-birligi-yayinlama-ozgurlugunun-onundeki-engeller-kaldirilsin-haberi-77619

TYB

Nach der Aufhebung der Freisprüche im Prozess um die türkische Version von Guillaume Apollinaires Werk “Die Großtaten eines jungen Don Juan” hat sich der Türkische Verlegerverband kritisch zu Wort gemeldet und die Publikationsfreiheit verteidigt.

(Nachrichtendienst soL)
In der Erklärung wurde betont, dass die Publikationsverbote, die laufenden Verfahren und verhängten Strafen gegen Verlagsaktivitäten zur Autozensur führen. Der Verlegerverband rief alle Verantwortlichen dazu auf, „die notwendigen Schritte einzuleiten, um alle Beschneidungen der Veröffentlichungsfreiheit aufzuheben und alle Paragraphen in Gesetzen, die diese Freiheit behindern, zu streichen.“

Hier der Wortlaut der Erklärung:

Nachdem der Prozess wegen der bei “Sel Yayıncılık” erschienenen Übersetzung von Guillaume Apollinaires “Die Großtaten eines jungen Don Juan” vor der zweiten Istanbuler Strafkammer mit einem Freispruch für den Verlagsverantwortlichen İrfan Sancı und den Übersetzer İsmail Yerguz geendet hatte, ist nun der Presse zu entnehmen, dass dieses Urteil von der 14. Kammer des Strafsenats aufgehoben wurde. Diese Entscheidung sehen wir mit großer Sorge.

Die Werke des berühmten Dichters Guillaume Apollinaire zählen zum Weltkulturerbe und sind somit als schützenswertes Gut anzusehen. Den literarischen Wert dieser in zahlreiche Sprachen übersetzen Werke einer richterlichen Prüfung zu unterziehen, ist gelinde gesagt befremdend. Leider ist es jedoch über die letzten Jahre hinweg immer wieder geschehen, dass unter dem Deckmäntelchen der Bekämpfung von “Obszönität und Unmoral” Werke von Weltrang in für die Meinungs- und Publikationsfreiheit höchst bedenklicher Weise zum Inhalt einer Strafverfolgung wurden, was im Verlagswesen zu Zensur und Selbstzensur führt. Dass der Freispruch im Prozess um “Die Großtaten eines jungen Don Juan” aufgehoben wurde, ist nur das letzte Beispiel für eine die Publikationsfreiheit einschränkende Mentalität.

Zahlreiche Verbote, Prozesse und Strafen gehen auf den schwammigen Begriff “Obszönität” aus Paragraph 226 des türkischen Strafgesetzbuches zurück. Dieser Paragraph soll eigentlich dem Schutz von Kindern dienen, wird aber auf Publikationen angewandt, die sich an jegliche Altersstufe wenden, und führt letztlich dazu, dass im Verlagswesen vielfach Selbstzensur geübt wird. Wir wiederholen daher unsere bereits mehrfach vorgebrachten Forderungen: Der Begriff “Obszönität” in Paragraph 226 muss endlich klar definiert werden, damit den Lesern nicht aus vermeintlichem Kinderschutz heraus bedeutende Werke der Weltliteratur vorenthalten werden, und es muss ein Ende mit den Prozessen haben, die – auf Berichte der Kommission für jugendgefährdende Medien gestützt – die Publikationsfreiheit erheblich einschränken.

1999 war bereits Apollinaires Buch “Die 11000 Ruten” wegen “Erregung und Missbrauch des Geschlechtstriebes” verboten und der Verleger verurteilt worden. Einer Beschwerde beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte wegen Verstößen gegen die Meinungsfreiheit, gegen das Recht auf ein faires Verfahren und gegen das Eigentumsrecht wurde im Jahre 2010 stattgegeben, und die Türkei wurde zur Zahlung von Schadenersatz an den Verleger verurteilt.

Über die Entscheidung als solche hinaus kritisieren wir die abfälligen Bemerkungen des Strafsenats über Apollinaires Werk und die Geringschätzung des akademischen Gutachtens, das in erster Instanz zu dem Freispruch geführt hatte. Die Werke eines weltberühmten Dichters wie Apollinaire vor Gericht auf ihren literarischen Wert hin zu untersuchen, seine Bücher zu beschlagnahmen und gegen seinen Verleger und seinen Übersetzer einen Prozess anzustrengen, sind eines “demokratischen Rechtsstaats” unwürdige Vorgehensweisen.

Wir fordern die Verantwortlichen auf, allen Einschränkungen der Publikationsfreiheit in der Türkei entgegenzuwirken und insbesondere die diesbezüglichen Gesetzesparagraphen aufzuheben.

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