Ein Brief von Duygu Zengin: Für meine Freundinnen und Freunde, die während des Gezi Widerstands festgenommen wurden

04.07.2013
Übersetzung aus dem Türkischen: Translators for Justice
Quelle: http://www.bianet.org/bianet/siyaset/148189-gezi-direnisi-nde-tutuklanan-arkadaslarim-icin

Vielleicht dachten Sie, die Generation der 1990er hätte kaum Sorgen. Doch jetzt haben wir eine Sorge, die wir uns mittlerweile zum Hobby gemacht haben! Sie haben uns daran erinnert, dass wir die Kinder derer sind, die Liebe machten in der Hoffnung auf die Revolution…Von Duygu Zengin

Hallo, möchten Sie jemandem zuhören, der 1990er Generation angehört?

Dies ist ein Aufschrei, weil uns niemand zuhört, obwohl in den letzten Tagen eine ganze Menge über uns gesagt wurde. Heute habe ich zum ersten Mal einen Brief an eine verhaftete Freundin geschrieben.

Zuerst wusste ich nicht, wie ich beginnen sollte, denn ich hatte eigentlich noch nie einen Brief geschrieben. Zum ersten Mal in meinem Leben nahm ich ein Papier in die Hand, um es in ein Gefängnis zu schicken. Als ich anfing zu kritzeln, setzte sich plötzlich ein Dämon in mir fest. Ich biss mir auf die Lippen bei dem Gedanken: „Und wenn meine Freundin meinen Brief wegen seines Inhalts nicht ausgehändigt bekommt?“ –

Warum? Weil ich geschrieben hatte: „Pass ganz doll auf dich auf, meine liebe Freundin, vergiss niemals, dass du am Tisch der Sonne sitzt!“.

Weil ich versucht hatte, ihr Hoffnung zu geben, mit dem Satz: „Träume von Städten, in denen Fische auf Bäumen leben, in denen keine betonierten Geister herumgehen“.

Warum? Weil ich geschrieben hatte, dass sie die Farbstifte, die man uns als kleine Kinder gegeben und später, als wir älter wurden, wieder weggenommen hatte mit der Begründung, wir seien nun „groß“, immer in ihrem Herzen bewahren sollte.

Weil ich geschrieben hatte: „Fahr mit der Hand in deine Locken. Kitzele sie ein bisschen, damit sie auch lächeln“ und Angst hatte, sie würden etwas anderes dahinter vermuten.

Kann das nicht sein?

Vielleicht würden sie denken, wir hätten Flak-Geschosse in ihren Haaren vergraben.

Ich hatte von Fischen geschrieben, die auf Bäumen leben… Stellen wir uns vor, dass sie auf einmal erklären: „Tja, es tut uns wirklich leid, aber wir sind im Besitz von Bildern, auf denen Fische nachts auf Bäumen leben, wir werden sie bald veröffentlichen…

Um den Fischen den Prozess zu machen, würden sie vielleicht versuchen, mit Strohhalmen das Meer leer zu trinken. Unser Land ist immerhin an drei Seiten mit Meer umgeben! Wir haben ja erlebt, wie Polizisten ihre Tierliebe mit Pfeffergas zeigen, also dürfte es nicht so schwer sein, sich diese Szene vorzustellen.

Ich mache mit den Fischen weiter… Es gibt ein Märchenbuch von Samed Behrengi mit dem Titel „Der kleine schwarze Fisch“. Der kleine schwarze Fisch sagt zu seiner Mutter: „Nein, Mama, ich möchte nicht mehr in diesen Gewässern schwimmen“, und macht sich trotz allen Widrigkeiten auf den Weg, um das Ende des Flusses, in dem er lebt und das Meer zu finden. Er will wissen, ob ein anderes Leben auf dieser Welt möglich ist. Wenn Sie uns, der 1990er Generation, unbedingt einen Namen geben wollen, denken Sie an den Schwarzen Fisch.

Meine Freundinnen und Freunde sind nun im Gefängnis, weil sie dem Gezi-Widerstand ihr Lächeln geschenkt hatten. Turgut Uyars Soldaten waren sie…Sie wurden festgenommen von denjenigen, die, weil sie ständig in den Himmel blicken, so tief in die Dunkelheit begraben wurden, dass sie nicht mehr in den Himmel blicken können; die sich hinter den Rücken derjenigen verstecken, die einem in den Rücken fallen… Es gibt Babies, die man niemals zu Mördern machen kann, das weiß der Staat besser als wir. Wir wissen, dass sie Angst davor haben, dass wir Städte gründen, in denen es nach Hrant Dink oder Pinar Selek benannte Straßen und Gassen gibt. Vielleicht ist es ihr schlimmster Albtraum, dass Cemal Süreyya seine Gasse in Moda nimmt und „Diren Lice“ (Leiste Widerstand Lice) rufend nach Kadıköy marschiert …

Sie haben unsere Freundinnen und Freunde festgenommen, um sie den Preis für alles Schöne bezahlen zu lassen, was wir erlebten. Ein Freund, von dem ich Eintrittskarten zum Solidaritätskonzert für die festgenommenen Studenten gekauft hatte, ein Freund, den ich persönlich überhaupt nicht kenne, sitzt auch ein. Und dann noch der Freund, den ich bei den Protesten nach dem Chiffre-Skandal bei YGS (staatliche Uni-Zulassungsprüfungen, Anm.d.Üb.) kennen gelernt hatte. Als ich sie sah, setzte sich ein Vögelchen auf mein Herz… Wenn ich an Freundinnen und Freunde schreibe, die ich kenne, warum nicht auch an unbekannte Freunde schreiben?…

Stellen Sie sich das mal vor: Ein Freund, den du nicht persönlich kennst, sitzt im Gefängnis und du machst dir Sorgen um ihn: Wir können das alle zusammen machen. Lasst uns den Freunden Grüße senden, vom Himmel, von den Wolken, von den Vögeln, von den Liedern, von den Kindern, von der Sonne, von den Füßen, die müde sind vom Laufen auf Bürgersteigen, Grüße von den Autobussen, von den nach Schweiß riechenden Straßen, von Gedichten und von starkem Tee.

Ja, Sie mögen denken, die Generation der 90er hatte kaum Sorgen. Doch jetzt haben wir eine Sorge, die wir uns mittlerweile sogar zum Hobby gemacht haben! Sie haben uns daran erinnert, dass wir die Kinder derer sind, die Liebe machten in der Hoffnung auf die Revolution.

Wir sind voller Zuversicht, dass wir diese Erde, die Sie vor unserer Geburt verschmutzt haben, säubern können. Die meisten von uns sind so alt wie die Anzahl der Massaker, die ihr angerichtet habt. Und diese Zahl wächst. Wir sind die Kinder, die entschlossen sind, das Schwarz dieses Landes in ein Weiß zu verwandeln, jenes Landes, in dem Neujahrfeuerwerke gefeiert wurden, während in Roboski der Aufschrei von Selams Mutter erklang. Ich werde es nie vergessen: Am 2. Juni standen vierzehn Menschen mit unterschiedlichen Fahnen an einer Mauer und pinkelten für den Widerstand. Ja, pinkelt in die Gefängnisse, Freunde, es werden immer mehr Straßen werden, in denen wir auf euer Wohl pinkeln! Das ist erst der Anfang! (DZ/HK)

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