„Wir wollen Frieden, nicht nur im Osten, sondern auch im Westen, Herr Ministerpräsident“

12.07.2013
Quelle: http://www.bianet.org/bianet/bianet/148454-sadece-doguda-degil-batida-da-baris-istiyoruz-basbakan

Bingöl – BIA Nachrichtenzentrum

Der Leiter der Niederlassung Bingöl des Vereins für Menschenrechte IHD (Insan Hakları Derneği) Muharrem Cici schreibt in dem an den Ministerpräsidenten gerichteten Brief: „Während die jungen Menschen hier nun nicht mehr sterben, wollten wir aber nicht, dass wir jetzt unsere jungen Menschen, unsere Kinder im Westen beerdigen müssen. Wir wollen überall Frieden.“* Auf der Trauerfeier von Ali İsmail Korkmaz sind die Mütter von Ethem Sarısülük und Abdullah Cömert bei Korkmazs Mutter.
In seinem an den Ministerpräsidenten Erdoğan gerichteten Brief schreibt Muharrem Cici, Leiter der Niederlassung Bingöl des Vereins für Menschenrechte IHD: „Während die jungen Menschen hier nun nicht mehr sterben, wollten wir aber nicht, dass wir jetzt unsere jungen Menschen, unsere Kinder im Westen beerdigen müssen. Dies ist nicht der Frieden, den wir uns wünschen.“
Die Abschnitte beginnen mit den Sätzen „Herzlich Willkommen in Bingöl, sehr geehrter Herr Ministerpräsident“ und fahren fort mit „wir wollen keine Todesfälle, Gülsüm Koçlar soll aus einer arbiträren Einschätzung heraus keine lebenslange Haftstrafe erhalten, wir wollen nicht, dass Videoaufzeichnungen plötzlich ohne Inhalte sind“. Der Brief endet mit dem Satz: „Wir wollen Frieden“.
„Dies ist nicht der Frieden, den wir uns wünschen“

Der vollständige Brief lautet folgendermaßen:

„Herzlich Willkommen in Bingöl, sehr geehrter Herr Ministerpräsident. In jeder Einleitung eines Briefes wird doch die Frage gestellt: ‚Wie geht es Ihnen? ‘, uns interessiert wirklich, wie es Ihnen wohl geht. Die Bevölkerung in Bingöl scheint Sie sehr zu mögen, denn jedes Mal werden Sie sehr gut empfangen. Es ist kaum verwunderlich, dass Sie bei überschwänglichen Empfängen mit Sympathie reagieren. Aber woher rührt es, dass Sie sich, sobald andere Stimmen laut werden, völlig verändern, keine Kritik vertragen und versuchen diese Stimmen mit Gebrüll und Geschrei zu unterdrücken? So natürlich es ist überschwänglich empfangen zu werden, ist es nicht auch natürlich, mit Kritik empfangen zu werden?

Es stimmt schon, wir brauchen wir einen Flughafen; es ist schon verständlich, dass ein so wichtiger Bedarf gedeckt werden muss. Zumindest ist klar, dass dieser Bedarf wesentlich größer ist als der Bedarf nahc den neu errichteten Polizeistationen. Ich möchte nicht viele Worte machen über das, was wir in Bingöl erleben. Denn mit großer Wahrscheinlichkeit wurde ihnen nicht berichtet und es wurde vor Ihnen verborgen, dass das aufbereitete aber zurückgehaltene Trinkwasser freigegeben wurde, als Sie kamen, und welch primitives Leben die Bevölkerung nun wieder führen muss, nach Ihrer Abreise. Wenn ich Ihnen diese Dinge sage, denken Sie, ich sage es wegen der Parteizugehörigkeit. Aber hätten Sie doch bloß die Möglichkeit sich vom ‚Volk‘, also der Basis Ihrer Partei, die Wasserknappheit, die Korruptionen, das was wir hier erleben schildern zu lassen…

Herzlich Willkommen in Bingöl, sehr geehrter Herr Ministerpräsident, vor Ihnen kamen Mitglieder des Rats der Weisen , die wir als ‚Friedensbotschafter’ anerkannt haben, da wir doch Menschen sind, die seit Jahren Sehnsucht nach Frieden haben. Wenn Sie gar den Diskurs der Menschen aus der Region beachten, sprechen viele nicht nur Frieden, es ist nicht nur ein symbolischer Frieden, den sie haben wollen. Viele benutzen gezielt den Ausdruck des ‚bleibenden Friedens‘.

Ja, wir waren mit einem Mal aufgeregt und voller Hoffnung, weil der Prozess, in dem unsere Menschen nun nicht mehr sterben und in den Nachrichten fortan keine Berichte mehr über das im ‚Osten‘ erlebte Blutbad oder die Morde im Osten gebracht werden, ein sehr wichtiger ist, ein sehr wertvoller. Dieser Prozess allein zeigt schon, welch schöner Begriff ‚Frieden‘ ist. Jeder hat Erwartungen und Befürchtungen. Ich persönlich dachte ‚hoffentlich wird alles gut verlaufen’ aber es da war etwas ganz Abnormales im Gange, ein Zustand, den wir uns so nicht vorgestellt hatten.

Herzlich Willkommen in Bingöl, sehr geehrter Herr Ministerpräsident. Als wir von Frieden sprachen, meinten wir nicht nur ‚Frieden für Kurden‘. Wir wollten, dass sich der Staat mit dem Begriff ‚Mensch‘, mit den Unterschieden, mit den oppositionellen Stimmen versöhnt; nur so kommt es zu einem bleibenden Frieden, hatte wir betont. Wir wollten nicht, dass es zur Aussöhnung mit den Menschen im Osten kommt und der Krieg und die Spannungen sich gegen die Menschen in Westen richten. Während die jungen Menschen hier nun nicht mehr sterben, wollten wir aber nicht, dass wir jetzt unsere jungen Menschen, unsere Kinder im Westen beerdigen müssen. Dies ist nicht der Frieden, den wir uns wünschen. Wir wollen überall Frieden.

Die Menschen im Osten haben bei ihren Protesten mit Slogans skandiert, sei haben aber nie gerufen ‚Es lebe die Kurden, es lebe allein die Rechte der Kurden‘. Selbst bei der größten Widerstandsaktion sagten sie ‚biji bratiye gelan‘, also ‚es lebe die Brüderlichkeit der Völker‘. Aus diesem Grund sage ich, so kann ein Frieden nicht aussehen.

Herzlich Willkommen in Bingöl, sehr geehrter Herr Ministerpräsident… Sagen Sie mir, wie ich Hoffnung auf Frieden haben soll, wenn ich die Bilder sehe, in denen die Mütter der verstorbenen Söhne aus dem Westen sich in den Armen liegen? Dass ein 19 jähriger Junge umgebracht wurde, hat mir so schrecklich weh getan. Und was ist mit denjenigen, die auf der Intensivstation liegen, mit den anderen Toten? Kann das hier ein Ort sein, an dem wir über Frieden sprechen? Wenn Sie sich der Sache etwas gelassener angenähert, wenn Sie etwas gemäßigter gesprochen hätten, so wie man Sie ermahnt hatte, wäre vielleicht nicht alles anders gekommen? Wenn Sie eine Ansprache gehalten hätten, ähnlich wie Ihre Balkon-Ansprache vor einigen Jahren, wäre dann nicht alles auf den rechten Weg gekommen? Denn Sie hatten mit dieser Rede damals Vertrauen gewonnen und Sie können sich sicher sein, dass keiner gedacht hätte, Sie hätten einen Schritt zurück gemacht. Wenn Sie sich der Sache gelassen und einfühlend genähert hätten, hätten Sie das Vertrauen von allen gewinnen können.
Herzlich Willkommen in Bingöl, sehr geehrter Herr Ministerpräsident… Ich wollte nur ein wenig auf die Ereignisse und die Toten eingehen. Die Ereignisse bringen unsere Kinder um. Der Hauptgrund für den Krieg im Osten ist, dass diese Menschen hier missverstanden wurden, dass sie vom Staat missachtet und als Andere stigmatisiert wurden und vom Staat unterdrückt wurden; und all das haben Sie selbst wiederholte Male zum Ausdruck gebracht. Sind Missachtung, Stigmatisierung und Gewaltanwendung gegenüber Menschen mit anderen Ansichten im Westen nicht die gleichen Fehler, die schon im Osten begangen wurden? Wird das Ende nicht in ähnliche Richtung führen?
Wir wollen Frieden, Herr Ministerpräsident!

Zwischen Kurden, Türken, Kemalisten, Linken, Kopftuchträgerinnen, sexuellen Minderheiten, Aleviten, Sunniten, Atheisten, Ultrakonservativen …

Wir wollen, dass niemand mehr stirbt. Nicht nur in Palästina, in Ägypten, in Syrien, wir wollen zuallererst, dass unsere eigenen Kinder weder im Osten noch im Westen sterben. Vor allem dürfen wir sie nicht eigenhändig töten. Wir wollen nicht mehr, dass die Menschen mit vorgespielter Trauer nach einem Mord ihre Sätze mit einem ‚aber‘ beginnen und das Opfer als jemand, der im Unrecht ist, darstellen. Wir wollen nicht , dass Gülsüm Koçlar aus einer arbiträren Einschätzung heraus eine lebenslange Haftstrafe erhält, wir wollen nicht, dass Videoaufzeichnungen plötzlich ohne Inhalte sind. Wir wollen, dass jedem Menschen, wer er auch sei, Wertschätzung entgegengebracht wird.
Wir wollen Frieden…“

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