Die AKP greift die Kunst an: Fazıl Says Reaktion darauf

21.05.2013
Übersetzung aus dem Türkischen: Translators for Justice
Quelle: http://haber.sol.org.tr/kultur-sanat/fazil-saydan-akpnin-sanat-saldirisina-yanit-haberi-73386

Eine Erklärung bezüglich der neuen gegen alle Kunstinstitutionen gerichteten Gesetzesvorlage der AKP kam nun auch von Fazıl Say.Es gibt weitere Reaktionen von Künstlern gegen eine Gesetzesvorlage, die gegen Kunsteinrichtungen gerichtet ist. Sie wurde auf eine Anweisung des Ministerpräsidenten Erdoğan, die Einrichtungen sollten privatisiert werden, von der AKP erarbeitet.

ICH WÜNSCHE MIR, DASS ALLE KÜNSTLER DIES AUFMERKSAM LESEN.

Es sollen in der Türkei neue Regelungen für alle Einrichtungen der Staatsoper und des Staatsballets, für alle Staatstheater, alle Orchester und Chöre verhängt werden. Es wird deutlich, dass der Staat die „Anreiz- und Prämienzahlungen“ in den Gehältern der Künstler streichen möchte. Das würde eine Kürzung von ca. 35% bedeuten. Das Leben der Künstler wird dadurch schwieriger. Desweiteren sollen alle genannten Kunsthäuser des Staates privatisiert werden. Frühberentungen sollen unterstützt werden.

Das ist noch nicht alles; der Staat soll „seinerseits favorisierten Projekten“ seine Unterstützung geben. Und zwar soll die Unterstützung „höchstens 50% der Einstandskosten des Projektes“ betragen. Es soll eine 11-köpfige Jury, eine „Jury der Künste“ gegründet und mit der Auswahl von entsprechenden Projekte beauftragt werden.

All diese Erklärungen sind seit Tagen in den Medien.

Meine Einschätzung der Dinge ist folgende;

1. Keine einzige Opern- oder Balletanstalt und kein Orchester könnte sich aus eigenen Mitteln (Kartenverkauf) tragen. In Europa sind alle Einrichtungen entweder in staatlicher oder in städtischer Hand. Ohne Unterstützung da zu stehen, kommt „einem Ende“ gleich. Es arbeiten an einer Oper oder Ballettanstalt z.B. etwa  500 Künstler: Orchestermitglieder, Tänzer, Chormitglieder, einzelne Sänger, Gastkünstler, usw. Für jedes Werk kommen außerdem noch Kosten für Bühnenbild, Kostüme und andere projektbezogene Ausgaben hinzu. Ohne Beteiligung des Staates können diese Kosten nicht getragen werden. Ich mache darauf aufmerksam, dass dieser Plan eigentlich darauf abzielt, diese Kunsteinrichtugen zu vernichten. Dieses Geld kommerziell aufzubringen ist unmöglich, selbst dann, wenn die Säle für über 2 – 3000 Personen ausgelegt wären.

2. Sponsoring ist eine US-spezifische Angelegenheit. In der Türkei wäre es ein Ding der Unmöglichkeit, für jedes Projekt einer jeden Kunstanstalt einen Sponsor zu finden. „Privatisierung“ bedeutet also beinahe so etwas wie „dem Tod überlassen“. Wer soll die Sponsoren finden? Die jährlichen Kosten eines Orchesters betragen annähernd 10 – 15 Millionen TL; die eines Opernhauses nahezu 40 – 50 Millionen TL. Wer soll das übernehmen?

3. Warum versucht eine Türkei, deren Wirtschaft sich positiv entwickelt, ihre Kunstanstalten zu schließen? Es sind ohnehin nur 5 Opern- und Ballethäuser, die wir haben, und  8 Orchester. Staatstheater hingegen befinden sich in vielen Städten. Warum versucht man in einem Land mit 75 Millionen Einwohnern diese Struktur zu Nichte zu machen? Wie soll sie verbessert werden? Gibt es eine Erklärung dafür? Das Kultusministerium ist schon eines „der kleinsten Posten“ des Staates. Nun, weshalb möchte man im internationalen Wettbewerb keine „Präsenz mit seiner Kunst“ zeigen? Warum werden  nicht „nach Mitteln und Wegen gesucht“, um diese Institutionen zu verbessern? anstatt sie zu „schließen, weil sie nicht gefallen“? Weshalb werden nicht die Künste und Künstler, „die Opfer von falschen Systemen“ sein sollen, zuerst von dem „falschen System“ befreit?

4. Weswegen werden Kultur- und Kunstinstitutionen angegangen, während die Pop-, Arabesk- uns Magazinkultur verschont wird? Warum werden Künstler, die Jahrzehnte lang ausgebildet wurden und in diesen Berufen gedient haben als erste aufs Schafott geschickt? Wie kommt denn eine Regierung bei der Weltöffentlichkeit an, „die sich mit ihren Künstlern anlegt“?

5. Welches Ergebnis könnte man erzielen, indem man die Projekte einer „Auswahl-Jury“ zur Bestätigung vorlegt? Wie soll das funktionieren? Soll z.B. ein erstklassiges und modernes Theaterstück über Khayyam einem populistischen Stück niederen Kunstwerts gegenübergestellt werden, weil letzteres einigen gefällt? Wird der Vergleich politisiert? Welches Stück wird gewinnen? Wer wird darüber entscheiden? Nach welchen Maßstäben wird entschieden? Was bedeutet die Aussage, „Wenn es der Auswahl-Jury gefällt, so kann der Staat einen Teil der Kosten übernehmen?“ Wie hoch wird die Kostenbeteiligung ausfallen? Und in welcher Weise wird die Beteiligung erfolgen? Was geschieht mit dem restlichen Teil der Kosten? Wer wird sich in die Freiheit des Künstlers einmischen und in welcher Art und Weise?

6. Wie werden denn unsere Institutionen, die als Ergebnis von jahrelangen falschen Systemen dastehen und die Beziehung zum Volk verloren haben, es nun schaffen, ihm die Hand zu reichen oder vielmehr die ausgestreckte Hand zu nehmen? Mit welchen Werken? Was sind die eigentlichen Projekte? Wohin steuert unsere zeitgenössische Kunst zu?

7. Was wird aus unserem Nachwuchs? Wie wird er betreut? Wer wird in der Türkei Klavier spielen, wer Geige, wer Flöte und wer wird Ballett tanzen? Wer wird eine Theaterausbildung machen, um Shakespeare zu spielen? Wer?

8. In dem bis dato andauernden falschen System bestanden bereits große Kostenengpässe. Die Orchester und die Opern konnten die weltbekannten großen Künstler, Dirigenten, Solisten, Gesangskünstler, Koreographen, Opernregisseure wegen den winzigen Budgets schon seit 20 – 30 Jahren nicht einladen. Wie wird es weitergehen?

9. Selbstverständlich sind wir gegen die  Verbeamtung von Künstlern. Selbstverständlich. Wir sind natürlich gegen den Zustand, in den Künstler geraten, die mit 36 aufhören, Ballett zu tanzen und 25 Jahre ihr Gehalt am Bankautomaten abholen. Es ist jedoch so, dass der Balletttänzer selbst gegen diesen Zustand ist! Wenn noch nie daran gedacht wurde, wie man diese Leute nach der aktiven Phase ihres Berufslebens eben in diesem System zielgerichtet einsetzen kann und man ihnen dahingehend nie einen Weg aufgezeigt hat, so sind deshalb unsere vorerwähnten „berenteten Balletttänzer“, übrigens 60 – 70 an der Zahl, noch lange nicht die Menschen unserer Gesellschaft, über die man sich am meisten schämen muss und deren Schuld die größte ist. Schließlich haben diese Künstler seinerseits Beiträge zum Kunst- und Kulturleben geleistet… Es ist nicht die Schuld der alten Generation, dass die Künstler der neuen Generation keine feste Einstellung bekommen. Es ist vielmehr ein Fehler des Systems. Wie hoch ist denn die Zahl der Balletttänzer in der Türkei, die einen Lohn vom Staat bekommen? Sind es 300? Oder 400? Lohnt es sich denn, für eine so kleine Gruppe eine so große Diskussion zu beginnen? In solch einem großen Staat? Wo man doch ein neues System aufbauen könnte. Lohnt sich das?

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