Zeuge der Geschichte sein, von den jungen Menschen lernen

02.06.2013
Übersetzung aus dem Türkischen: Translators for Justice
Quelle: http://www.radikal.com.tr/turkiye/iste_kapatilan_ntv_tarihin_yayimlanmayan_editor_yazisi-1140079

Editorial der Sondernummer der Zeitschrift NTV Tarih (NTV Geschichte), deren Publikation verhindert wurde

Die Publikation der populärwissenschaftlichen Zeitschrift NTV Tarih (NTV Geschichte), die ihre 54. Nummer dem Gezi-Widerstand widmen wollte, wurde unerwartet eingestellt, als sie bereits druckfertig war. Die Zeitschrift hatte eine durchschnittliche Verkaufszahl von 35000 Exemplaren und gehörte der Doğuş Gruppe an. Es folgt die Übersetzung des Editorials der gesperrten Zeitschrift und das Bild der Umschlaggestaltung.

 

NTV tarih

Sie waren mutig und sie waren weise. Sie waren eins, und sie waren zusammen. Sie waren unterschiedlich und sie waren Partner. Sie waren allein und sie waren zu vielen. Wir wussten nicht, dass sie das waren. Vielleicht kannten sie sich selbst so auch nicht. Als ich sie zwei Tage bevor ihre Zelte angezündet wurden im Gezi Park traf, dachte ich „was für selbstgenügsame“ junge Menschen. Ich hätte nie geglaubt, dass diese jungen Menschen die größte aus sich selbst wachsende Bewegung der türkischen Geschichte initiieren würden. Wem wäre es in den Sinn gekommen, dass sie einen Einfluss haben würden, der von den politischen Parteien zu den marginalsten Organisationen, von den Medien bis hin zu den Polizisten, von den Bürgermeisterämtern bis hin zur Justiz, von den Gewerkschaften zur Geschäftswelt nahezu alle Einrichtungen und Institutionen erschüttern würde?

Es waren letztlich aber nicht „ein paar Marodeure“ – waren es denn nicht die jungen Menschen, über die viele unter uns Erwachsenen seit Jahren immer wieder sagten, sie würden „nichts lesen, seien nicht kultiviert, schlecht informiert, nicht sensibilisiert, hätten kein gepflegtes Türkisch, wüssten nichts über ihre eigene Vergangenheit, hätten keine guten Manieren, seien egoistisch, unpolitisch usw.“?

Es wurde klar: sie waren es nicht. Das haben sie sich selbst und der ganzen Welt gezeigt. Wir hatten Schwierigkeiten, ihren Widerstand wahrzunehmen, geschweige denn, ihn zu verstehen. Neben ihrem Humor erschienen unsere Aussagen oft nur lächerlich. Im Vergleich zu ihrer Kommunikationsfähigkeit konnten wir nicht einmal Postträger sein.

Jede Institution, Einrichtung oder Person, die, mit welcher Einstellung oder Ideologie auch immer, die Ereignisse politisch zu deuten versuchte, beziehungsweise sie auf der Folie der Politik, wie sie sie kannte, zu erklären versuchte, wirkte angesichts der Heterogenität der Forderungen dieser jungen Menschen und ihrer Straßenpoesie hoffnungslos veraltet. Während einige Sprecher(innen) von progressiven, linken, liberalen und/oder national orientierten Gruppen über die Jugend, die der Antrieb der Proteste war, eine Revolutionsromantik zu basteln versuchten, erniedrigten die Akteure der konservativen, rechten, die muslimische Identität in den Vordergrund rückenden Gruppen die jungen Menschen, die sie als Spielfiguren einer internationalen Verschwörung bezeichneten. Sie konnten nicht erkennen, dass in dem ‚großen Spiel‘ der Bauer aus der letzten Reihe in die erste Reihe avancieren und sich neben den König stellen kann.

Die Zeitschrift NTV Tarih (Geschichte) widmet sich zum ersten Mal ausschließlich einem herausragenden Thema. Diese „Sondernummer“ also behandelt die Gezi Park Proteste, greift andere Ereignisse in der Geschichte auf, an die die Proteste erinnern und stellt Begriffe, Analysen und Kommentare in den Mittelpunkt, die dazu in Bezug stehen. Unser Ziel ist es, „die Geschichte, die geschrieben wird, während sie gelebt wird“ in ihrer eigenen Zeit zu spiegeln und etwas zum historischen Material beizutragen, das in die Zukunft getragen wird.

Als NTV Tarih widmen wir diese Nummer jenen Menschen, die bei den Ereignissen ihr Leben ließen und ihren Familien sowie jenen, die verletzt wurden und Behinderungen davon trugen, die Schmerzen erlitten haben und all jenen, die die Nerven verloren.

Wir wollen in Frieden, Ruhe und Solidarität, im Reichtum der Vielfalt leben.

Gürsel Göncü

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