Presseerklärung des Türkischen Ärzteverbands vom 21.06.2013 zu den Ereignissen seit Beginn des Gezi Park Widerstands und über den Druck des Ministerpräsidenten und des Gesundheitsministers auf die Ärztinnen und Ärzte sowie auf den Türkischen Ärzteverband

21.06.2013

Humanität und der Beruf des Arztes

Von allen Verantwortlichen haben wir erwartet,

Sensibilität im Umgang mit dem friedlichen Protest im Gezi-Park aufzuweisen…
den Menschen, die trotz der Gewalt, die sie erfahren haben, nicht von ihrer friedfertigen Haltung abgekommen sind, Respekt zu zollen…
dass sie die Menschen in Ruhe lassen, die auf die Straße gingen, um gegen die Gewalt und die gewalttätige Sprache zu demonstrieren, mit der auf grundlegende menschliche Forderungen geantwortet wurde…Wir haben erwartet,
dass der Gesundheitsminister sagt, auf die Menschen, die ihre berechtigten Forderungen vorbringen, auf die Orte, an denen erste Hilfe geleistet wird, die Krankenhäuser und Hotels, in denen Menschen Schutz suchen, in Zimmer, in denen Babies schlafen, auf alte Menschen, Kranke und Kinder „darf man keine chemischen Gase sprühen, damit muss sofort Schluss sein“…

Wir haben erwartet,
dass sie Trauer über den Tod von Mehmet Ayvalıtaş, Abdullah Cömert, Mustafa Sarı, Ethem Sarısülük zum Ausdruck bringen…
dass sie den 59 Schwerverletzten, den 11 Menschen, die ein Auge verloren und den Tausenden Verletzten Genesung wünschen…

Wir haben erwartet,
dass sie erklären, dass die gesundheitliche Versorgung gesichert sei, und zwar sowohl der Menschen, die bei den Demonstrationen auf den Straßen der Reizgasgewalt ausgesetzt waren als auch jener, die zuhause oder an ihrem Arbeitsplatz durch die Gasgranaten in Atemnot gerieten – kurz aller Menschen, ohne jegliche Diskriminierung und behördliche Registrierung, ohne sie in unterschiedliche Register aufzunehmen, und allein, weil sie Mensch sind…

Wir haben erwartet,
dass man sich angesichts der Ärzte und Medizinstudierenden, die den Menschen, die Atemnot und Attacken erlitten, Schädelfrakturen davontrugen, ein Auge verloren und sonstige Verletzungen davontrugen, erste Hilfe leisteten, der humanitären Ethik gewahr wird und sagt, „das medizinische Personal wird selbst in Kriegszuständen nicht angerührt“…

Trotz allem hätten wir nicht erwartet,
dass gegenüber Millionen von Menschen, die Freiheit, Gleichberechtigung und Achtung der Menschenwürde fordern tagelang eine derart unverhältnismäßige Gewalt ausgeübt wird,

dass Anwälte, die sich gegen Unrecht wehren, im Gerichtsgebäude Gewalt erfahren und sie als ganze Gruppe in Untersuchungshaft genommen werden,

dass Ärztinnen und Ärzten, Studierenden und medizinischem Personal, das erste Hilfe leistet, vorgeworfen wird, sie würden rechtswidrig handeln,

dass der Türkische Ärzteverband, die Ärztekammern in Istanbul, Izmir und Ankara schriftlich gefragt werden, warum sie keine Erlaubnis vom Gesundheitsministerium eingeholt hätten, um den Verletzten und Notfallpatienten zu helfen,

dass die Namen der Ärztinnen und Ärzte, der Studierenden, des Pflegepersonals und der Menschen, die medizinische Hilfe in Anspruch genommen haben, erfragt werden.

dass Ärztinnen und Ärzte und Pflegekräfte in Untersuchungshaft genommen werden,

dass der Ministerpräsident die Gesellschaft spaltet und sich anschickt, den einen Teil als Drohung gegen den anderen auszuspielen,

dass er den Türkischen Ärzteverband und die Ärztinnen und Ärzte als Zielscheibe präsentiert und sie beleidigt,

dass er ihre Handlungen, die im universellen Recht und in internationalen Abkommen ein Recht darstellen, als rechtwidrig bezeichnet.

Wir wussten nicht…
dass die Zahl unserer jungen Menschen, die derart friedliebend, humorvoll, entschieden, stur und stolz sind und die aufbegehren für Freiheit und Gleichberechtigung, die sich in ihre Brüder und ihre Schwestern hineinversetzen, und auch die Zahl der Menschen, die plötzlich wieder jung geworden sind, so hoch ist und immer weiter steigt,

Wir wussten nicht,
dass die blutjungen Ärztinnen und Ärzte, das Gesundheitspersonal und die Medizinstudierenden so schnell und zu so vielen den Menschen zur Hilfe eilen würden, deren gerechtfertigte und friedliche Wünsche mit Gewalt erwidert wurde,

Wir wussten nicht,
dass die Bevölkerung, die jahrelang einem Diskurs ausgesetzt war, in dem „Ärzte nur ihren eigenen Interessen nachgehen“, uns auf derart herzliche Weise und mit der Überzeugung, dass „kein Interesse der Ärztinnen und Ärzte wichtiger sein kann als die Gesundheit ihrer Patienten“, begegnen würde

Wir wussten nicht,
dass Ärztinnen und Ärzte anderswo auf der Welt sich derart schnell in Solidarität an unsere Seite stellen würden, dass sie die Aufrufe an den Ministerpräsidenten, die wir gemacht haben, ebenfalls machen und ihn an die Werte der Ärzte erinnern würden.

Wir wissen nun…

Wir erinnern uns nun,
dass Humanität vor allem Gewissen, Solidarität, Brüderlichkeit bedeutet,

dass die Menschen, die gegen Unterdrückung und Gewalt kämpfen und sich für Freiheit, Gleichberechtigung, für den Menschen und die Menschenwürde einsetzen, stets im Recht sein werden und dieses Recht sich durch nichts verschleiern lässt,

dass die Werte des Arztberufs dem Herzen der humanitären Werte entstammen und dort nicht entrissen werden können…

Nach dem, was wir in den letzten 20-25 Tagen erlebt haben, erschüttern uns die verbalen Angriffe des Ministerpräsidenten auf den Türkischen Ärzteverband gar nicht mehr. Auch die realitätsfremden Dinge, die der Ministerpräsident mit Blick auf die Ärzteschaft über die Themen Abtreibung und Kaiserschnitt zum Besten gibt, überraschen uns nicht. Wir können seine Wut und sein Staunen nachvollziehen. Wir sind lediglich besorgt darüber, dass er unsere gemeinsame hoffnungsvolle Zukunft, in der wir in diesem für uns alle so wertvollen Land in Frieden, Freiheit und Gleichberechtigung leben werden, verzögern könnte.

Wir erklären noch einmal: Als Türkischer Ärzteverband werden wir stets an der Seite der Ärztinnen und Ärzte und der Menschen stehen, die an diesem Prozess beteiligt sind. Wir werden hinter ihnen, vor ihnen, bei ihnen und in ihrer Mitte sein.

Und wir fügen hinzu: Der Ministerpräsident möge uns entschuldigen; in der Türkei werden sich die Ärztinnen und Ärzte zu keiner Zeit zu „Ärzten des Ministerpräsidenten“ machen lassen, wie er es von „seiner Polizei“ behaupten kann. Wir werden immer in Verbundenheit mit universellen menschlichen Werten und ohne jegliche Unterscheidung jenen zu Hilfe eilen, die uns brauchen (Ministerpräsidenten eingeschlossen) und die Ärzte dieser Menschen sein.

Wenn diejenigen, die Reizgas, Wasserwerfer und Gewalt einsetzen ihren Ministerpräsidenten haben, hat der Türkische Ärzteverband die Menschlichkeit, nach deren Prinzipien er in Solidarität handelt.

Zentralrat des Türkischen Ärzteverbands

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