Dringender Aufruf des türkischen Ärzteverbands vom 16.06.2013

16. Juni 2013
Übersetzung: Translators for Justice
Quelle: http://www.ttb.org.tr/index.php/Haberler/cagri-3870.html

Bei legalen und friedlichen Kundgebungen wird in der Türkei seit dem 31. Mai seitens der Sicherheitskräfte auf grausame Art und Weise von Chemiegasen Gebrauch gemacht, die als „zur Krawallbekämpfung eingesetzte Stoffe“ bezeichnet werden.

In der Nacht vom 15. auf den 16. Juni wurde in Folge der Polizeiangriffe medizinisches Personal daran gehindert, die Versorgung von Verletzten fortzusetzen. Bereits zuvor hatte der türkische Ärzteverband anlässlich der Chemiegasangriffe, die gezielt gegen wehrlose Menschen eingesetzt wurden, eine Untersuchung über die gesundheitlichen Folgen dieser Angriffe begonnen. Der türkische Ärzteverband stellte fest, dass innerhalb einer Woche 11.000 Menschen unter den Folgen des Gaseinsatzes litten.

Der Durchschnitt derjenigen, die eine professionelle Gasmaske benutzten, liegt lediglich bei 13%. Das Alter der Demonstranten liegt zu 65% zwischen 20-29 Jahren. Die Dauer, in der sie sich an Orten aufhielten, wo Pfefferspray und Tränengas zum Einsatz kamen, macht die Problematik besonders deutlich. Die insgesamt 11.164 Befragten gaben an, zu unterschiedlichen Zeitpunkten mit unterschiedlicher Dauer Gasen ausgesetzt gewesen zu sein, wobei nur 10% der Befragten angaben, weniger als eine Stunde betroffen gewesen zu sein. 53% der Befragten gaben an, sich zu unterschiedlichen Zeiten insgesamt zwischen 1-8 Stunden an Orten aufgehalten zu haben, wo es zum Einsatz von Chemiegasen kam. Bei 11% der Befragten hingegen betrug die Dauer zwischen 20-24 Stunden. Es ist nachgewiesen, dass sämtliche Symptome vermehrt auftreten, wenn Menschen diesen Stoffen länger als 24 Stunden direkt ausgesetzt sind. Die Umfrageergebnisse zeigen, dass die Befragten zu unterschiedlichen Zeitpunkten mit unterschiedlicher Dauer und meist insgesamt stundenlang den Gasen ausgesetzt waren.
Vor der Nacht vom 15. auf den 16. Juni betrug die Zahl der von Gasgeschossen Verletzten 788 (7% der Befragten). Die Umfrageergebnisse lassen vermuten, dass Gasgeschosse gezielt auf die Demonstranten abgefeuert wurden. Ein erheblicher Teil der Gasgeschosse wurde auf lebensgefährliche Art und Weise auf Kopf, Gesicht, Brust, und Magenbereich abgeschossen. 20% der Verletzten weisen offene Wunden und Brüche auf.
Die Hälfte der Befragten wurde medizinisch versorgt, nur 5% wurde im Krankenhaus behandelt. Das liegt unter anderem daran, dass die Verletzten, die sich im Krankenhaus behandeln lassen, durch die Behörden registriert werden. Seitens des Gesundheitsministeriums wurden gegen die Ärztekammer Istanbul, die die ehrenamtliche Mitarbeit der Ärzte organisiert, mit dem Vorwurf, sie hätte damit eine Straftat begangen, Ermittlungen eingeleitet. Heute sind in Istanbul ein Arzt und ein Medizinstudent mit Handschellen festgenommen worden, während sie die Verletzten ehrenamtlich versorgten. Es sind viele Informationen zur Festnahme von Ärzten im Umlauf. Eine solche Hexenjagd hat die Türkei nicht verdient.

Der türkische Ärzteverband appelliert an die Regierung und fordert sie dazu auf, verantwortlich zu handeln und dafür zu sorgen, dass ihre Sicherheitskräfte diese brutale Gewalt sofort beenden. Als türkischer Ärzteverband sehen wir uns dazu verpflichtet, die internationale Öffentlichkeit über die Situation zu informieren und sie dazu aufzurufen, etwas gegen die gewaltsame Unterdrückung demokratischer Forderungen zu unternehmen.

Der Türkische Ärzteverband