Rede der Taksim-Solidaritätsbewegung vom 9. Juni

9. Juni 2013

Eine schäumende Wolke mein Kopf, innen und außen ein Meer
Ich bin ein Walnussbaum im Gülhane Park

Ich bin ein Walnussbaum im Gezi Park
mit vielen Ästen und rauh ein alter Nussbaum
Doch du merkst es nicht, noch merkts die Polizei

Ich bin ein Walnussbaum im Gezi Park.
Meine Blätter bewegt wie Fische im Wasser
Flatternd und fein wie seidene Tücher
Pflück ab Liebes, wisch dir die Tränen aus den Augen
Hände sind mir meine Blätter
Hunderttausend habe ich genau
Mit hunderttausend Händen berühre ich dich und Istanbul.
Augen sind mir meine Blätter, staunend meine Blicke
Mit hunderttausend Augen sehe ich dich an und Istanbul
Wie hunderttausend Herzen pulsieren meine Blätter

Ich bin ein Walnussbaum im Gülhane Park
Doch du merkst es nicht, noch merkts die Polizei

Ich bin ein Walnussbaum im Gezi Park
Doch du merkst es nicht, noch merkts die Polizei
Als du sagtest, du würdest die Bäume im Gezi Park fällen und dort die Topçu Kaserne wiedererrichten, war es weder dir noch uns, noch den Polizisten klar, dass ein paar Bäume die Wut eines Volkes entflammen würden.

Am 27. Mai hast du zuerst unsere Bäume, dann diejenigen, die sich für sie einsetzten – unsere Taksim Solidaritätsbewegung – angegriffen.

Mit der Härte des Angriffs wuchsen der Widerstand und die Solidarität, und wir haben gesehen, dass aus dem Kampf für den Erhalt von ein paar Bäumen ein Kampf geworden ist, an dem sich das Volk in seiner ganzen Breite beteiligt und in dem es um Freiheit, Demokratie, um Rechte und Würde geht.

Von dem Tag an, von heute an, ist allen alles klar…

In der Tat, in diesem Kampf geht es um ein paar Bäume. Zugleich aber geht es darum, uns für unser Leben, unsere Zukunft und unseren Stolz einzusetzen. Denn wir wissen alle, dass jemand, der keinen Einsatz für seıne Bäume leisten kann, auch sein Leben nicht in die eigene Hand zu nehmen vermag.

Die Botschaft des Widerstands, der im Gezi Park begonnen und sich auf das ganze Land und die Welt ausgeweitet hat, die Botschaft der Solidarität und der Wut, die seit 13 Tagen nicht nachlässt, die Botschaft dieses Protests, dieses Aufschreis – sie ist deutlich.

Wir, die Millionen hier und überall im Land, möchten nicht länger regiert werden wie bisher. Wir, die Jugend und die Frauen, haben es satt ständig ignoriert zu werden.

Wir möchten nicht unterdrückt werden von einer Regierung, die sagt „ich habe die Stimmen bekommen, ich kann alles entscheiden, ich mische mich in alles ein.“

Wir möchten uns nicht damit abfinden zuzusehen, wie sich die Gesinnung jener breit macht, deren Wohlstand wächst ohne dass sie dafür arbeiten müssen, wie sie uns gewaltsam unserer Rechte, unserer Natur und Städte berauben.

Wir lehnen das Verständnis einer Regierung ab, die sämtliche Wege der demokratischen Teilhabe sperrt, auf jeden Widerspruch mit einem feindseligen Reflex reagiert, der keinen Respekt vor dem Glauben, der Identität, der Lebensweise von Menschen kennt, die nicht sind wie sie selbst und der auch die Wissenschaft und die Kunst nicht respektiert.

Wir sagen es gibt uns, und wir sind hier…

Mit der Jugend, den Frauen, den Türk(inn)en, den Kurd(inn)en, Alevit(inn)en, Sunnit(inn)en, Armenier(inne)n… und allen Brüdervölkern; mit den Gläubigen, Ateist(inn)en, Arbeiter(inne)n, Intellektuellen…, den Schwulen, Lesben, den Fangemeinden der Sportmannschaften und den Studierendeninitiativen… mit den Menschen, die in Wolkenkratzern und Geschäftszentren arbeiten, mit den Kleinunternehmern, mit den Arbeitenden und den Arbeitslosen… Das in all seinen Teilen vertretene Volk sagt „es reicht“ und demonstriert eines der weltweit bedeutendsten und schönsten Beispiele der Brüderlichkeit und Solidarität.

Die Millionen, die gegen die faschistischen Angriffe und gegen alle Repressionen auf die Straße gehen, sagen ‘Stopp!’ zur AKP Regierung und ihrem Verständnis des Regierens, ihrer Sprache, ihrem Diskurs.

Das Volk, das am 31. Mai 2013 die Abholzung und den Abriss im Gezi Park gestoppt hat und in Istanbul, Ankara, Izmir, Antakya und überall in der Türkei die verbotenen Plätze eroberte, ist sich nun seiner Macht bewusst.

Der Gezi Park wird ein Park bleiben. Es wird nicht mehr so sein, dass jeder Satz aus dem Munde Erdogans ein Gesetz wird! Und als ein Volk, das dies erreicht hat, ist uns auch klar, dass wir der Politik Einhalt gebieten können, die seit Jahren einer Minderheit dient, die nicht genug bekommt vom wirtschaftlichen Gewinn und die ein Feind ist der Arbeit, der Demokratie, der Wissenschaft, der Kunst, der Freiheit.

Und am Ende hat es auch die AKP gemerkt. Auch wenn sie uns „eine Handvoll Marodeure“ nennt, ist ihr klar, dass wir Millionen sind. Auch wenn sie sagt, 50 Prozent gegen 50 Prozent, ist ihr klar, dass das, was geschieht, nichts ist, das sich zwischen den AKP’lern und dessen Gegner(inne)n abspielt.

Obgleich sie uns als Marginale und Illegale bezeichnet, ist klar, dass es keinen Zweifel daran geben kann, dass wir im Recht sind.

Es ist für niemanden nachvollziehbar, dass Menschen, die sich für einen öffentlichen Park und einen öffentlichen Platz einsetzen, die ein freiheitlicheres Land einfordern, Vandalismus, Zerstörungswut und Plünderung vorgeworfen wird. Und es ist eine reine Komödie, dass eine Regierung, die mit dem US-Imperialismus Seite an Seite geht der „Zins-Lobby“ heroisch die Stirn bieten möchte.

Auch wenn sie sagt, es gebe keinen Ansprechpartner für sie und versucht uns zu ignorieren, ist jedem klar, dass die Ansprechpartner(ınnen) auf den Plätzen sind, und dass es Millionen sind.

Auch wenn getan wird, als würde man unsere Forderungen nicht hören oder verstehen – wie überall auf der Welt ist auch bei denen, die das Land regieren, bekannt, dass es sich hier um Forderungen handelt, die gerechtfertigt und umsetzbar sind.

Unsere Forderungen sind gerechtfertigt… rechtsmäßig… und sehr einfach…

  • Der Gezi-Park muss weiter als Park bestehen bleiben. Auf dem Gelände des  Gezi-Parks dürfen weder die geplante Topçu Kaserne noch irgendwelche anderen Gebäude gebaut werden. In einer öffentlichen Erklärung muss bestätigt werden, dass das Bauprojekt nicht duchgeführt wird. Außerdem muss der Abriss des Atatürk Kulturzentrums gestoppt werden.
  • Die Personen, die mit Beginn des Widerstands gegen den Abriss des Gezi Parks die demokratischen Rechte der Bürger(innen) beschnitten haben, die gewaltsame Niederschlagung dieses Widerstands angeordnet haben, die Personen, die diese Anordnungen ausgeführt haben und damit die Verantwortung für die Verletzung von tausenden Menschen und für den Tod von drei unserer Mitbürger(innen) tragen, müssen des Amtes enthoben werden, darunter an erster Stelle die Polizeipräsidenten und Gouverneure von Istanbul, Ankara und Hatay und Adana. Der Einsatz von Tränengasbomben und ähnlichen Stoffen muss verboten werden.
  • Die Menschen, die wegen ihrer Teilnahme am Widerstand überall im Land          verhaftet wurden, müssen freigelassen werden, und es muss zugesichert werden, dass keine Ermittlungen gegen sie eingeleitet werden.
  • Das Versammlungs- und Demonstrationsverbot auf öffentlichen Plätzen, in öffentlichen Räumen und vor allem auf den als Versammlungsplätze für den 1. Mai bekannten Plätzen Taksim und Kızılay muss aufgehoben werden. Gezielte Behinderungen müssen unterlassen werden. Die Meinungsfreiheit muss gewährleistet werden.

Wir möchten all unseren Mitbürger(inne)n mitteilen, dass konkrete Antworten, die auf diese Forderungen gegeben werden, zu einem glücklicheren, demokratischeren Land führen werden, in dem ein friedlicheres Klima herrscht.

Es muss verstanden werden, dass „ein paar Bäume“, für die gekämpft wird, sehr viele Äste haben. Es muss verstanden werden, dass die Wut von Millionen von Menschen nicht von einem Augenblick auf den anderen entstanden ist, sondern der Ausdruck dessen ist, was sich seit Jahren an Reaktion angestaut hat. Diejenigen, die denken, Umweltschutz sei lediglich das Pflanzen von Bäumen, müssen wissen, dass die Menschen auf den Plätzen auch etwas gegen andere Projekte haben, die Istanbul zerstören würden: die 3. Brücke, der 3. Flughafen, das Kanal Istanbul-Projekt. Sie wehren sich gegen die Ausplünderung ihrer ökologischen Werte, allen voran des Atatürk Waldbauernhofs, ihrer Wälder und Flüsse. Sie wehren sich auch gegen hydroelektrische Kraftwerke und Atomkraftwerke. Sie wehren sich gegen die Kriegspolitik im Nahen Osten und in unserem Land. Sie wehren sich dagegen, dass die Empfindlichkeiten unserer alewitischen Mitbürger(innen) nicht beachtet werden, dass auf die Forderungen unserer kurdischen Mitbürger(innen) nach Gleichberechtigung, Frieden und Brüderlichkeit keine überzeugenden Antworten erarbeitet werden.

Es ist jeder hier. Die streikenden Mitarbeiter(innen) der Turkish Airlines sind hier. Die Leiharbeiter(innen), mit einem Mindesteinkommen leben müssen und aufbegehren, weil ihre Arbeit gering geschätzt wird, sind hier. Es sind auch diejenigen hier, die gegen den Umbau der Städte und für das Wohnrecht protestieren. Es gibt Forderungen nach gebührenfreier Ausbildung und das Recht auf Gesundheit. Es sind Frauen hier, die gegen konservative patriarchalische Politik, gegen die Einmischung in den Kaiserschnitt, das Abtreibungsverbot und Grenzüberschreitungen und Übergriffe auf die Privatsphäre wie die Forderung, man solle drei Kinder gebären, protestieren… Es sind Menschen hier, die gegen die Diskriminierung aufgrund von Geschlechtsidentität kämpfen. Die Universitäten sind hier, um ihre Stimme für die Wissenschaft, das Recht auf Bildung und für die Freiheit zu erheben. Es sind Menschen hier, die gegen die Unterdrückung der Justiz, der Presse und von Künstler(innen) protestieren…

Wir sind nicht überrascht darüber, wie die Regierung, die kein Ohr für Gegenmeinungen, Kritik und Vorschläge hat und diese sogar mit einer aggressiven Sprache abweist, den Menschen, die sich für den Gezi Park einsetzen, entgegnet ist. Es hat uns nicht überrascht, dass sie die in den Zelten im Park schlafenden Menschen um fünf Uhr morgens mit Tränengasbomben und Wasserwerfern angegriffen hat.

Es hat niemanden überrascht, dass die Menschen, die auf diese Polizeigewalt mit Protesten reagierten, wie Feinde behandelt wurden, so dass zwei unserer jungen Brüder ums Leben kamen und nahezu 5000 Mitbürger(innen) verletzt wurden.

Wir stellen in Trauer und mit Schaudern fest, dass wir nicht überrascht sind über die brutale Polizeigewalt, die zum Tod unseres Bruders Abdullah Cömert aus Antakya und unseres Bruders Mehmet Ayvalıtaş aus Istanbul geführt hat, vor deren Erinnerung wir uns mit Respekt verneigen. Auch der Tod des Polizeibeamten Mustafa Sarı, der einen Unfall erlitt, als er versuchte unrechtmäßige Anordnungen umzusetzen, hat uns nicht überrascht… Der Verlust von drei Menschen, die der unrechtmäßigen Gewalt der Polizei zum Opfer fielen, bestürzt uns  zutiefst.

Es passiert, weil wir eine Staatstradition haben, die es vorsieht, jede demokratische Reaktion zunächst durch die Manipulation der Medien unsichtbar zu machen, um sie dann mit Druck und Gewalt zu unterdrücken. Und weil wir die AKP-Regierung haben, die diese Tradition in übertriebener Manier fortsetzt.

Doch die Regierung sollte die Botschaft, die auf den Plätzen herausgeschrien wird, gut deuten: „Überall ist Taksim, überall ist Widerstand“, „Schulter an Schulter gegen den Faschismus“, „Regierung tritt zurück“, „Es lebe die Brüderlichkeit der Völker“. Sie muss einsehen, dass es zu spät ist, um wie bisher nach dem Motto „ich höre auf niemanden, es wird das gemacht, was ich sage“ weiter zu regieren.

Wir wenden uns an die Verantwortlichen in der Regierung, die nach wie vor darauf bestehen, eine ‚Kaserne‘ an die Stelle des Parks zu setzen, die den gewalttätigen Einsatz der Polizei verteidigen, die die Verantwortlichen nicht ihrer Ämter entheben, die die Angriffe der Polizei in Ankara, Adana, Antakya und im Gazi Viertel nicht stoppen und die durch die Androhung von geplanten Eingriffen versuchen, uns einzuschüchtern. Wir rufen die Verantwortlichen in der Regierung auf: Wenn Ihr dieses Land liebt, wenn Ihr Respekt vor diesem Volk habt, stoppt sofort die Polizeigewalt.

Gebt uns unseren Park zurück, vergesst alle Projekte, die auch nur einen Zentimeter des Parks bebauen würden und nehmt die Botschaft dieser demokratischen Reaktion auf. Seht ein, dass „der sprudelnde Fluss des Volkes“ nicht aufzuhalten ist.

Dieses Land und die ganze Welt soll erfahren, dass diese Bewegung, die sich von der Energie der jungen Menschen und deren kreativer Intelligenz nährt, die Legitimität, Kraft, Kreativität, das Selbstbewusstsein und eine starke Solidarität besitzt, um das zu tun, was nötig ist, damit seine berechtigten Forderungen umgesetzt werden.

Wir sind das Volk… Wir sind hier… Und wir werden nirgendwo hingehen, bevor wir bekommen, was wir fordern….

Übersetzung: Translators for Justice

Anmerkung: Das Gedicht ‚Der Walnussbaum‘ stammt von Nazım Hikmet (hier in der Übersetzung von Dilek Dizdar).

Quelle: http://taksimdayanisma.org/taksim-dayanismasi-9-haziran-tarihli-konusma-metni

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